Warum TransnetBW im Nachforderungsprozess auf KI setzt
Ein Pilotprojekt bei TransnetBW zeigt, wie generative KI das Nachforderungsmanagement von Bauverträgen des Übertragungsnetzbetreibers voranbringen kann.
KI hilft im Nachforderungsprozess von TransNet BW.Benjamin Stollenberg | Fotograf
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Wenn Infrastrukturprojekte sich verzögern oder teurer werden, trifft die
Schuld selten allein die Bauunternehmen. Auch komplizierte Verträge, veränderte
Rahmenbedingungen und der zunehmende Fachkräftemangel erschweren dem Einkauf das
Claims-Management – besonders für Netzbetreiber mit milliardenschweren
Investitionsplänen. TransnetBW, verantwortlich für das Hochspannungsnetz in
Baden-Württemberg, erprobt daher generative KI im Claims-Management. Umsetzungspartner
ist das Stuttgarter Technologieunternehmen 51nodes.
Vom Förderantrag
zum Bauvertrag
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Ein früheres Experiment lieferte den Anstoß: In einem Vorprojekt prüfte
TransnetBW, wie effizient große Sprachmodelle Textbausteine für einen
Fördermittelantrag erstellen können – mit beeindruckendem Erfolg. „Wir haben
den Aufwand für die Texterstellung um 75 Prozent gesenkt“, sagt Dr. Rainer
Enzenhöfer, Lead Spezialist Disruptive Entwicklungen Netzwirtschaft. Daraufhin
suchten die Projektverantwortlichen nach weiteren Einsatzmöglichkeiten für
Large Language Models (LLMs). Besonders vielversprechend zeigte sich der
Nachforderungsprozess bei Bauverträgen.
Hohe Summen, hohe Einsparpotenziale
Der Investitionsbedarf für diverse Netzausbau-Projekte bei TransnetBW ist in
den kommenden Jahren unverändert hoch. Die Claims für diese Netzausbauprojekte zu
bearbeiten, erfordert viel Zeit, Fachwissen und Sorgfalt. Pro Jahr bearbeitet
das Unternehmen mehrere tausend Nachforderungsvorgänge. Eine Potenzialanalyse
vor Projektstart zeigte: Mit Generativer KI ließe sich die Bearbeitungszeit pro
Vorgang um mindestens 39 Prozent verkürzen.
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Für das Pilotprojekt entwickelte 51nodes zusammen mit den Fachbereichen CCM
und Digitale Transformation die KI-Anwendung ChatCCM. Sie basiert auf marktverfügbaren
Sprachmodellen wie ChatGPT, Gemini und Claude und nutzt Retrieval-Augmented
Generation (RAG) für die Verarbeitung großer interner Wissensquellen. Auf diese
Weise erzeugt die Anwendung präzise und kontextbezogene Prüfergebnisse und Antworten.
ChatCCM durchsucht auf Anfrage alle relevanten Daten (bspw.
Ausschreibungsunterlagen) nach vordefinierten Kriterien und unterstützt den
Anwender mit einem sogenannten Prompt Flow (eine Verkettung vordefinierter
Prompts) Schritt für Schritt bei der Generierung verlässlicher Ergebnisse.
ChatCCM kann zudem Entwürfe für Stellungnahmen zu Claims erstellen, die
Claims-Manager anschließend prüfen und finalisieren. Die CCM-Mitarbeiter
bleiben stets zentrale Akteure im Prozess und die Generative KI unterstützt bei
der Bearbeitung.
Der Autor: Jochen Kaßberger
Jochen
Kaßberger ist Gründer und Geschäftsführer der 51nodes GmbH aus Stuttgart. Nach
seinem Studium der Architektur in Stuttgart und den USA arbeitete er acht Jahre
als Unternehmensberater für Management und Organisation in Projekten der
Automotive-Industrie und war danach als KMU-Berater für Strategie und
Technologie aktiv. Im Jahr 2017 gründete er das Softwareunternehmen 51nodes.
Zeitersparnis: mehr
als 60 Prozent Im Praxistest mit einem Pilotsystem ließ sich die Bearbeitungszeit noch stärker
verkürzen, als die Initialanalyse vermuten ließ. Das Projektteam wies anhand
mehrerer realer Nachforderungs-Claims nach, dass ChatCCM die Bearbeitungszeit
um 61% reduzieren konnte. Auch qualitativ lieferte das Pilotsystem gute
Ergebnisse: „In einem Fall wurde sogar ein Claim besser gelöst als bei der rein
manuellen Bearbeitung, weil sich die Lösung in den tiefen eines 6.000 Seiten
Vertrags versteckt hat“, berichtet Niklas Ludwig, Teamleiter Contract und Claim
Management AC bei TransnetBW. Die fachliche Prüfung der Claims ist weiterhin unerlässlich,
doch das System entlastet die Bearbeiter spürbar. Angesichts der gemessenen
Effizienzsteigerung schätzen die Projektbeteiligten das Einsparpotenzial auf mehrere
hunderttausend Euro pro Jahr – allein für diesen Teilprozess. Damit kann sich ein
Live-System innerhalb eines Jahres amortisieren.
Exaktere
Claimanalysen und -prüfungen
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Die Lösung entlastet die Mitarbeitenden nicht nur, sondern zeigt auch den
Fortschritt der Technologie. „Die Offenheit im Fachbereich war groß. Viele
wollten verstehen, wie die KI arbeitet, und empfanden den Ansatz als Gewinn“,
sagt Niklas Ludwig. Die Kombination aus KI-Unterstützung und Zeitgewinn
reduziert die Fehlerquote und ermöglicht eine kontinuierlich hohe Qualität der
Claimanalysen und -prüfungen. Zudem kann das Team Contract und Claim Management
bei TransnetBW durch die Entlastung seine Expertise nun noch mehr
Unternehmensbereichen anbieten.
Der Einsatz Generativer KI und externer
App-Entwicklungsplattformen in Unternehmen unterliegt strengen
Compliance-Regeln. Für den Pilotbetrieb wurden die Anforderungen der
IT-Security, Datensicherheit und der DSGVO berücksichtigt und mit den
verantwortlichen Stellen bei Transnet BW abgestimmt.
Die technische Einbindung eines Live-Systems in die bestehende Systemlandschaft
(bspw. das Vertragsmanagement) steht noch aus. Die bisherigen Erfahrungen zeigen
jedoch deutlich, wie groß das Potenzial von Generativer KI für den Einkauf ist
und wie sich generative KI im Einkauf sinnvoll nutzen lässt – als
unterstützende Technologie mit spürbarem Effizienzgewinn. „Die zur Verfügung
stehenden Sprachmodelle werden täglich besser“, erklärt Stephan Gebhardt,
Manager Digitale Transformation bei Transnet. „Wer sich früh mit der
Technologie auseinandersetzt, kann sich auch jetzt noch als Innovator vom
Wettbewerb absetzen. Der Erfolg bei TransnetBW beruhte laut Stephan Gebhardt auf
der Verbindung von technischer Umsetzbarkeit, wirtschaftlicher Bedeutung und
einer offenen Projektkultur. Bis zur breiten Einführung bleibt noch einiges zu
tun: an Schnittstellen, rechtlicher Absicherung und interner Verankerung.