Der Werkzeugmaschinenbau erlebt eine tiefgreifende Transformation. Präzision allein reicht längst nicht mehr aus: Vernetzung, Autonomie und Nachhaltigkeit rücken in den Mittelpunkt. Technologien wie KI, digitale Zwillinge und Automatisierung verändern die industrielle Fertigung grundlegend.
Annedore Bose-MundeAnnedoreBose-Munde
Mit dem Tokn hat Heller einen digitalen Zwilling entwickelt, der nicht nur zur Planung, sondern auch als interaktives Trainings- und Testgerät eingesetzt wird.Heller
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Der Werkzeugmaschinenbau befindet sich in einem
tiefgreifenden Wandel: Aus isolierten Präzisionswerkzeugen werden vernetzte,
datengetriebene Systeme, die sich in komplexe Produktionsumgebungen einfügen
und zugleich strenge Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen müssen. Getrieben
von der Digitalisierung, verschärften EU-Vorschriften wie der Ecodesign for
Sustainable Products Regulation sowie wachsendem Kostendruck rücken Themen wie
KI-gestützte Prozessregelung, digitale Zwillinge, Energieeffizienz und Circular
Economy in den Fokus von Entwicklung und Investitionsentscheidungen. Dieser
Wandel verändert nicht nur das Design und den Betrieb von Werkzeugmaschinen,
sondern auch Geschäftsmodelle, Servicekonzepte und die internationale
Wettbewerbsfähigkeit der Hersteller. Im
Umfeld dieser globalen Entwicklung prägen fünf große Trends die Ausrichtung und
Handlungsstrategie der Unternehmen.
Die mobilen Roboter können bis zu neun Stationen in der Fertigung anfahren. Dort übergeben sie das Material an den Produktionsmitarbeiter.Trumpf
Künstliche Intelligenz verändert zunehmend die Funktionsweise moderner Werkzeugmaschinen. Während KI-Systeme früher vor allem zur vorausschauenden Fehlererkennung eingesetzt wurden, verschiebt sich der Fokus zunehmend hin zur adaptiven Prozessregelung in Echtzeit. Die
Maschine erkennt beispielsweise während des Fräsens Vibrationen oder thermische
Ausdehnung und korrigiert daraufhin selbstständig und in Echtzeit Vorschub und
Drehzahl.
Ein Beispiel liefert der Werkzeugmaschinenhersteller DMG Mori. So nutzt der Werkzeugmaschinenhersteller Machine Protection
Control (MPC), um Schäden an der Maschine zu verhindern und Prozesse zu
optimieren. Ein Beschleunigungssensor an der Spindel überwacht dabei die Vibrationen
in Echtzeit. Bei kritischen Werten wird der Vorschub sofort gestoppt, um Lager-
oder Werkzeugschäden zu vermeiden.
Auch der Anlagenhersteller Trumpf nutzt KI zur Prozessoptimierung. Der Cutting Assistant des Ditzinger Anlagenherstellers ermittelt Parameter für das Laserschneiden mithilfe von KI selbstständig.
Voraussetzung dafür ist ein Bild von der Schnittkante des Bauteils, welches der
Produktionsmitarbeiter im ersten Schritt mit einem Handscanner aufnimmt.
Anschließend bewertet der Cutting Assistant die Kantenqualität anhand
objektiver Kriterien wie beispielsweise Gratbildung. Mit diesen Informationen schlägt ein Optimierungsalgorithmus
verbesserte Parameter für den Schneidprozess vor. Die Software ist in der
Maschine integriert, daher lassen sich die optimierten Parameter ohne Programmieraufwand in die Software übertragen.
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Generative
KI hält Einzug in die Werkstatt
Neben klassischen KI-Anwendungen gewinnt Generative KI (GenAI) zunehmend an Bedeutung in der industriellen Fertigung. Ihr Einsatz direkt an der Maschine ist ein weiterer Schritt, der den Übergang von der rein analytischen Industrie 4.0 zu
einer interaktiven, handlungsorientierten Fertigung markiert. So können
Bediener die Maschine per Sprache oder Chat nach Fehlerursachen fragen, oder
sich Wartungsanleitungen direkt auf das Display oder die AR-Brille projizieren
lassen. Ein Techniker fragt beispielsweise: „Warum schwankt der Öldruck?“ woraufhin die KI die Sensordaten der letzten 24 Stunden analysiert und die Lösung
inklusive Anleitung liefert.
Siemens
hat mit dem Engineering Copilot TIA einen generativen KI-Assistenten vorgestellt,
der es Automatisierungsingenieuren ermöglicht, intelligenter und schneller zu
arbeiten. Dazu genügt es, Anweisungen in natürlicher Sprache zu geben. Im
Gegensatz zu herkömmlichen Tools, die lediglich Vorschläge machen, führt der
Engineering Copilot TIA komplexe Engineering-Aufgaben selbstständig aus. Er
generiert und modifiziert Projektelemente automatisch und übernimmt
zeitaufwändige sowie repetitive Arbeiten. Anwender können diese Funktionen je
nach ihren spezifischen Anforderungen aktivieren oder deaktivieren.
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Digitale
Zwillinge als Produktions-Backup
Auch
der Digitale Zwilling wird immer mehr zum Standard. Als virtuelles Abbild einer
Maschine spiegelt er beispielsweise nicht nur den Aufbau, sondern auch das
Verhalten und die Eigenschaften der Anlage wider. Bevor der erste Span fällt, kann
der komplette Prozess virtuell eingefahren werden. Eine Feedback-Schleife
ermöglicht es, dass reale Maschinendaten permanent zurück in das Modell fließen,
um die Simulation für das nächste Werkstück noch präziser zu machen.
Noch
weiter geht die Heller Maschinenfabrik: Mit ihrem Tokn hat das Unternehmen einen digitalen Zwilling entwickelt,
der nicht nur zur Planung, sondern auch als interaktives Trainings- und
Testgerät eingesetzt wird. Programme werden dabei erst auf dem Tokn, einem
haptischen 1:1-Abbild der Maschinensteuerung, virtuell eingefahren. Die reale
Maschine empfängt dann nur noch den optimierten, kollisionsgeprüften Code. Alle Bedienfunktionen der Heller-Maschinen sind
integriert.
Mit dem Cutting Assistant erhalten Anwender beim Laserschneiden die optimalen Parameter für ihr Material. Dafür müssen sie lediglich mit einem Handscanner ein Foto der Schnittkante aufnehmen. Den Rest übernimmt die KI der Anlage.Trumpf
Nachhaltigkeit
und Circular Economy
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Parallel zur Digitalisierung gewinnt das Thema Nachhaltigkeit rasant an Bedeutung. So macht die seit
Juli 2024 geltende EU-Verordnung für das Ökodesign nachhaltiger Produkte (ESPR)
Maschinenherstellern neue Vorgaben. Im Fokus stehen dabei die Haltbarkeit,
Wiederverwendbarkeit, Nachrüstbarkeit und Reparierbarkeit, Ressourceneffizienz,
Wiederaufbereitung und Recycling, aber auch Informationsanforderungen, wie die Ausweisung
des CO2-Fußabdruckes. Diese Informationen sollen durch die
Einführung digitaler Produktpässe für relevante Akteure des Produktlebenszyklus,
also Verbraucher, Industrie und Behörden, zugänglich
gemacht werden.
Fest
steht: Um ihre Klimaziele erreichen zu können, benötigen die Unternehmen Informationen
über die anfallenden CO₂-Emissionen
von Zulieferprodukten. Dies umfasst sowohl die CO₂-Emissionen, die im Herstellungsprozess als
auch im späteren Betrieb anfallen. Schaeffler
Technologies unterstützt seine Kunden dabei mit einem Emissionsrechner. Er soll mehr Transparenz über den CO₂-Fußabdruck bringen. Mithilfe dieser Werte können die Kunden datenbasiert eine nachhaltige Investitionsentscheidung treffen.
Darüber hinaus wird Retrofitting wichtiger: Hersteller wie DMG Mori, Trumpf, Siemens oder Chiron bieten verstärkt
Programme an, bei denen alte Maschinen mit neuer Sensorik oder KI-Steuerungen
nachgerüstet werden, statt sie zu verschrotten.
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Automatisierung
wird umfassender und komplexer
Der Engineering Copilot TIA führt Engineering-Aufgaben autonom aus.Siemens
Immer
häufiger werden Werkzeugmaschinen zudem mit mobilen Robotern und Cobots
kombiniert. Diese bewegen sich völlig autonom in der Werkhalle, finden ihren
Weg zur Maschine und beladen diese mit Rohteilen. Dank KI benötigen sie keine
Schutzzäune mehr, da sie ihre Umgebung in Echtzeit scannen und auf
Menschen reagieren. Darüber hinaus können sie für
weitere Bearbeitungsaufgaben wie das Entgraten oder Palettieren eingesetzt
werden.
Viele
Werkzeugmaschinenhersteller bieten ihren Kunden komplette Automatisierungslösungen
an. So setzen beispielsweise Safelog und Trumpf auf eine strategische
Partnerschaft, um kleinen und mittelständischen Unternehmen im Bereich
Blechbearbeitung den Einstieg in die Automatisierung des Materialtransports zu
erleichtern. Dabei transportieren mobile Roboter das Material durch die
Fertigung. Steuern lassen sich die Fahrzeuge über eine Web-Anwendung, die auf
jedem mobilen Endgerät im Netzwerk des Anwenders funktioniert.
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FAQ - Trends im Werkzeugmaschinenbau
Welche fünf großen Trends prägen den modernen Werkzeugmaschinenbau?
Die Branche wird aktuell von fünf Entwicklungen bestimmt: adaptive KI-gestützte Prozessregelung, der Einsatz von Generativer KI direkt an der Maschine, der digitale Zwilling als virtuelles Produktions-Backup, Nachhaltigkeit und Circular Economy sowie eine zunehmend umfassendere Automatisierung durch mobile Roboter und Cobots.
Was versteht man unter adaptiver Prozessregelung, und wie setzen Hersteller sie ein?
Bei der adaptiven Prozessregelung erkennt die Maschine während des Betriebs eigenständig Störgrößen wie Vibrationen oder thermische Ausdehnung und korrigiert Parameter wie Vorschub und Drehzahl in Echtzeit. DMG Mori setzt dafür die Machine Protection Control ein, die über einen Beschleunigungssensor an der Spindel Vibrationen überwacht und bei kritischen Werten den Vorschub sofort stoppt.
Wie unterstützt Generative KI Maschinenbediener in der Fertigung?
Generative KI ermöglicht es Bedienern, Maschinen per Sprache oder Chat nach Fehlerursachen zu befragen und Wartungsanleitungen direkt auf Display oder AR-Brille einzublenden. Siemens bietet mit dem Engineering Copilot TIA einen Assistenten, der auf Basis natürlichsprachlicher Anweisungen komplexe Engineering-Aufgaben selbstständig ausführt, Projektelemente generiert und repetitive Arbeiten übernimmt.
Welche Anforderungen stellt die EU-Ökodesign-Verordnung ESPR an Maschinenhersteller?
Die seit Juli 2024 geltende ESPR-Verordnung verpflichtet Hersteller, bei der Produktentwicklung Kriterien wie Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit, Reparierbarkeit und Ressourceneffizienz zu berücksichtigen. Außerdem müssen Informationen zum CO₂-Fußabdruck über digitale Produktpässe für Verbraucher, Industrie und Behörden zugänglich gemacht werden.
Wie verändert die Kombination aus mobilen Robotern und KI die Automatisierung in der Fertigung?
Moderne Werkzeugmaschinen werden zunehmend mit mobilen Robotern und Cobots kombiniert, die sich autonom in der Werkhalle bewegen, Maschinen selbstständig beladen und dank KI ohne Schutzzäune sicher auf Menschen reagieren. Trumpf und Safelog etwa bieten gemeinsam Automatisierungslösungen für den Materialtransport an, die sich über eine Web-Anwendung auf jedem mobilen Endgerät steuern lassen.