Irankrieg, China und Wolfram

Warum der Wolframpreis so stark steigt

Der Wolframpreis steigt weiter massiv und wird zum Stresstest für Industrie und Rüstung. Was sind die Ursachen, Folgen und Risiken für Industrie, Mittelstand und Lieferketten?

Wolframpulver - strategisch wichtig für den Maschinenbau und die Rüstungsindustrie.
Wolframpulver - strategisch wichtig für den Maschinenbau und die Rüstungsindustrie. Welche Folgen hat der hohe Preis?

Summary: Der Wolframpreis erreicht Anfang April 2026 ein Rekordniveau nach dem anderen. Treiber sind eine unelastische Nachfrage, ein knappes Angebot, Exportkontrollen aus China sowie steigende Energie- und Logistikkosten. Besonders betroffen sind Hartmetallanwender, Spezialstahlhersteller, Elektronikunternehmen und mittelständische Zulieferer.

Der Preis für Wolfram steigt und steigt. Am 3. April 2026 lag der Wolframpreis laut Molytun in der Spitze bei 2.768 EUR pro Tonne – ein Rekord. Zum Vergleich: Am 30. Januar lag der Höchstpreis noch bei 1.174 EUR pro Tonne – ein Plus binnen zwei Monaten von mehr als 50%.

Doch der aktuelle Preissprung ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs, denn bereits 2025 legte der Rohstoff eine rasante Preisrallye hin und knackte die 800-EUR-Marke. "Das Jahr 2025 war für den Wolframsektor eine Zäsur", erklärt Lewis Black, CEO von Almonty Industries. Das kanadische Unternehmen ist auf den Abbau von Wolfram spezialisiert, vor allem in Südkorea, Portugal und den USA.

Warum steigt der Wolframpreis gerade so stark?

Ganz klassisch spielen auch beim hohen Wolframpreis zwei Faktoren eine Rolle:

Unelastische Nachfrage: Der Rohstoff, den Viele noch aus Glühbirnen kennen, ist heute für viele Schlüsselbranchen unverzichtbar: Werkzeuge, Maschinen, Elektronik sowie Rüstung und Hightech. Das heißt: Die Nachfrage ist extrem unelastisch. Die Unternehmen zahlen also jeden Preis. Das bestätigt auch Lewis Black: „Die massive Preissteigerung des Jahres 2025 hat zu keinem nennenswerten Nachfrageeinbruch geführt“, analysiert der Rohstoffexperte. Für strategische Bauteile, die ohne Wolfram nicht funktionieren, bezahlten Abnehmer notwendigerweise die Marktpreise, da die Materialkosten im Verhältnis zum Gesamtwert des Endprodukts wie etwa eines Waffensystems oder einer High-Tech-Maschine oft trotz steigender Preise tragbar blieben.

Unsicheres Angebot: Laut der Deutschen Rohstoffagentur DERA ist das knappe Angebot nach wie vor der Hauptpreistreiber und dieser trifft auf eine stabile Nachfrage. Grund sind eine geringere Bergwerksproduktion in China und die dort eingeführten Exportkontrollen. Da China nach wie vor der mit Abstand weltweit führende Produzent von Wolfram ist mit rund 78,8% der globalen Primärförderung, wirken sich Produktionsänderungen sehr schnell und sehr drastisch aus. 2025 kamen rund 67.000 Tonnen Wolfram aus China - von insgesamt rund 85.000 Tonnen weltweiter Förderung. Hinzu kommen Handelsbeschränkungen. Diese hat die Volksrepublik als Reaktion auf Handelsstreitigkeiten mit den USA eingeführt.

Welche Folgen hat der Irankrieg für den Wolframpreis?

Da Iran keine eigene Wolframproduktion hat, ebenso wie die umliegenden Golfstaaten, verteuert der Irankrieg den Rohstoff nicht direkt, wohl aber indirekt, denn seit Beginn des Irankriegs haben sich die Energiepreise zum Teil mehr als verdoppelt. Das gilt sowohl für Rohöl, und damit alle Folgeprodukte wie Diesel, als auch Erdgas und LNG. In Asien gibt es sogar bereits Rationierungen der Energierohstoffe.

Für Wolfram bedeutet das steigende Kosten in fast jeder Stufe der Lieferkette: Die höheren Energiekosten treiben sowohl die Kosten für die Bergwerksförderung, auch das Schmelzen und die weitere Verarbeitung zu den wichtigsten Vorprodukten wird teurer. Am Ende der Lieferkette steigen dann auch noch die Frachtraten durch den teureren Schiffsdiesel und Risikoaufschläge im Seetransport.

Das heißt: Auch wenn der aktuelle Preisanstieg bei Wolfram zeitlich mit dem Beginn des Irankriegs korreliert, ist er kein isolierter Kriegseffekt sondern speist sich aus mehreren Quellen.

Welche Exportkontrollen hat China für Wolfram erlassen?

China hat aufgrund des Handelsstreits mit den USA seine Exportkontrollen für Wolfram deutlich verschärft. Darunter sind folgende Maßnahmen:

Exportgenehmigungen: Seit dem 4. Februar 2025 müssen chinesische Exporteure für Wolfram und verwandte Produkte eine Exportlizenz des Handelsministeriums (MOFCOM) einholen.

Strenge Dokumentationspflicht: Exporteure müssen darüber hinaus detaillierte Unterlagen vorlegen, darunter Verträge, technische Beschreibungen, Testberichte sowie Zertifikate über den Endnutzer und den Verwendungszweck.

„Dual-Use“-Einstufung: China klassifiziert Wolfram als „Dual-Use“-Material, das sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden kann, was die Kontrolle unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit rechtfertigt.

Diese Kontrollen umfassen nicht nur das Rohmaterial, sondern auch bestimmte Wolframverbindungen und -produkte, wie Wolframcarbid und Wolframlegierungen.

Welche Industrien sind vom hohen Wolframpreis besonders betroffen?

Am stärksten betroffen sind alle Branchen, die Wolfram als Hartmetall für Schneid- und Verschleißanwendungen nutzen. Das betrifft vor allem die Baubranche, Metallbearbeitung, den Bergbau sowie Öl- und Gasbohrtechnik.

Daneben trifft der Preisanstieg auch Hersteller von Spezialstählen und Superlegierungen, die Elektro- und Elektronikindustrie sowie Anbieter von Schweiß-, Heiz- und Beleuchtungstechnik. Dort geht es zwar oft um kleinere Mengen als im Hartmetallbereich, aber die Materialeigenschaften sind ebenfalls schwer zu substituieren, daher sind die Unternehmen auf Wolfram angewiesen.

APT oder Karbid, Fertigteil oder Pulver: Welches Wolfram kaufen Unternehmen ein?

Gekauft wird Wolfram je nach Position in der Wertschöpfungskette in unterschiedlichen Formen. Laut USGS sind relevante Handels- und Verarbeitungsformen unter anderem Ammoniumparawolframat (APT), Wolframkarbid, Wolframmetall, Wolframoxide, un- und weiterverarbeitete Wolframformen sowie Schrott.

Zolltarifnummern für die wichtigsten Wolframprodukte

Wolframerze und Wolframkonzentrate2611 00 00
Wolframpulver8101 10 00
Wolframcarbide2849 90 30
Wolframoxide und Wolframhydroxide2825 90 40
Wolframate (z.B. Ammoniumparatungram, APT)2841 80 00
Stäbe, Profile, Bleche, Bänder und Folien aus Wolfram8101 99 10
Wolframabfälle und Wolframschrott8101 97 00

Quelle: Zolltarifnummern.de

Vor allem Wolframkarbid (WC) ist nachgefragt. Nach Angaben der International Tungsten Industry Association (ITIA) ist es mit 65% des weltweiten Verbrauchs das wichtigste Vorprodukt. Das Pulver dient primär als Ausgangsstoff für Hartmetalle, auch in Form von Legierungen mit Kobalt , Nickel oder Eisen. WC-Pulver wird in verschiedenen Korngrößen angeboten, um spezifische Härte- und Zähigkeitsanforderungen zu erfüllen.

Ultrafeines oder Nanopulver wird für extreme Härte benötigt, wenn die höchste Verschleißfestigkeit gefordert ist. Eine feine bis mittlere Korngröße ist die Standardqualität für eine ausgewogene Kombination aus Härte und Zähigkeit. Grobkörniges Pulver wird häufig für Werkzeuge unter hoher Stoßbelastung eingesetzt.

Ist Wolfram für die deutsche Industrie ein kritischer Rohstoff?

Die EU listet Wolfram sowohl als kritischen als auch strategischen Rohstoff. Für Deutschland ist das besonders relevant, weil die heimische Industrie stark wolframabhängig ist. Die DERA verweist darauf, dass Deutschland innerhalb der EU zu den bedeutenden Verwendern von Wolfram zählt. Wolfram ist also kein Randthema für Laboranwendungen, sondern ist ein unverzichtbarer Rohstoff in der industriellen Fertigung, vor allem im Werkzeug- und Komponentenbereich.

Welche Folgen hat teures Wolfram für den Mittelstand?

Für mittelständische Zulieferer ist der hohe Wolframpreis vor allem ein Margen- und Liquiditätsproblem. Die GTAI zeigt, wie breit die Reaktion auf eine solche Situation ausfällt: Fast dreiviertel der von ihr befragten Unternehmen suchen neue Lieferanten für kritische Rohstoffe, rund die Hälfte erhöht Lagerbestände und verabschiedet sich damit vom klassischen Just-in-time-Ansatz.

Für Mittelständler bedeutet das also entweder hohe Spotmarkt-Preise im aktuellen Projektgeschäft zu zahlen oder mehr gebundenes Kapital durch eine höhere Lagerhaltung. In beiden Fällen wird der Einkauf teurer. Meist kommen noch schlechtere Einkaufskonditionen als bei großen Konzernen hinzu.

Welche Produkte und Werkzeuge verteuern sich durch den gestiegenen Wolframpreis?

Am schnellsten schlagen höhere Wolframpreise bei Hartmetallwerkzeugen durch. Dazu zählen Wendeschneidplatten, VHM-Bohrer, Fräser, Reibahlen, Sägezähne, Ziehsteine sowie Stanz-, Umform- und Presswerkzeuge. Dort ist Wolframkarbid der zentrale Werkstoff, weil Härte, Warmfestigkeit und Verschleißbeständigkeit gefragt sind.

Spürbar teurer könnten darüber hinaus typische Verschleißteile werden: Buchsen, Reibringe, Dicht- und Führungsringe, Plunger, Düsen, Messer, Walzen und weitere hoch belastete Komponenten für Motor-, Fluid- und Lebensmittelanwendungen.

Droht ein Engpass in der Wolframversorgung?

Ein flächendeckender Wolframengpass ist derzeit nicht zu erwarten, denn ganz ohne Puffer ist der Markt nicht. Neben dem Import von Primärwolfram wird der Rohstoff nämlich auch aus gebrauchten Werkzeugen recycelt – und das zu einem nicht geringen Anteil.

Die ITIA schätzt, dass knapp 35% der gesamten Wolframversorgung auf Kreislaufwirtschaft basiert (37.500 Tonnen). Etwa 8.500 Tonnen stammen dabei aus Produktionsabfällen (Prozessschrott), 29.000 Tonnen aus End-of-Life-Schrott. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2016. Ähnlich fallen die Zahlen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) aus dem Jahr 2011 aus. Damals schätzte sie den Recycling-Anteil für Wolfram auf 40%.

Ein wichtiger Baustein für die Versorgungssicherheit sind nicht nur langfristige Abnahmevereinbarungen für Wolfram außerhalb Chinas, sondern auch Unternehmensbeteiligungen an Wolframproduzenten. Eine gewichtige Rolle spielt hier die südkoreanische Sangdong-Mine, die von Almonty betrieben wird. Hier beschafft Ceratizit einen Großteil seines benötigten Wolframs über die Plansee Group, die sowohl an Almonty als auch an Ceratizit beteiligt ist.

Wie sollten Einkäufer jetzt reagieren?

Für Frank Meier, Senior Manager Minor Metals bei Tradium spricht aktuell vieles für einen ausgewogenen Ansatz. "Eine sinnvolle Strategie ist es, einen Teil des Bedarfs über langfristige Verträge abzusichern, um eine verlässliche Grundversorgung zu gewährleisten. Gleichzeitig sollte ein gewisser Anteil flexibel über den Spotmarkt eingekauft werden." Sich ausschließlich auf einen Beschaffungsweg oder einzelne Lieferanten zu verlassen, erhöhe laut Meier in der aktuellen Marktsituation die Versorgungsrisiken. Eine breitere Aufstellung könne da helfen. "Gleichzeitig ist der Markt sehr dynamisch geworden. Einkäufer müssen heute mehr Zeit investieren, um Entwicklungen im Blick zu behalten, sie richtig einzuordnen und die eigene Beschaffungsstrategie laufend anzupassen", so der Rohstoffexperte.

Welche Preisinformationsdienst für Wolfram sind empfehlenswert?

"Ein guter Referenzpunkt ist Fastmarkets MB, vielen noch als Metal Bulletin bekannt", empfiehlt Frank Meier. "Die dort veröffentlichten Notierungen geben eine gute Orientierung für das allgemeine Preisniveau". Man müsse aber klar sagen, dass diese Angaben in der aktuellen Marktphase der tatsächlichen Entwicklung oft hinterherlaufen. "Preisdienste sind ein hilfreicher Anker, ersetzen aber nicht den direkten Marktabgleich."

Wie sieht die weitere Entwicklung auf dem Wolframmarkt aus?

Aus Sicht der Produzenten dürfte die aktuelle Preisrallye vermutlich gerne noch eine Weile anhalten. "Derzeit sehen wir allerdings, dass sich die Notierungen auf hohem Niveau etwas stabilisiert haben", so Meier. "Für 2026 spricht vieles dafür, dass der Markt angespannt bleibt." Das Angebot sei weiterhin begrenzt, während die Nachfrage für bestimmte industrielle Anwendungen hoch sei. "In Teilen des Marktes ist zudem eine hohe Zahlungsbereitschaft vorhanden, was das Preisniveau zusätzlich stützt." Eine klare Richtung leitet der Tradium-Expert daraus nicht aber, aber im aktuellen Umfeld spreche zunächst viel für anhaltend hohe Preise.

FAQ - Wolfram

Was ist Wolfram und wofür wird es verwendet?

Wolfram ist ein chemisches Element mit dem Symbol W und der höchsten Schmelztemperatur aller Metalle. Es wird aufgrund seiner extremen Hitzebeständigkeit vor allem in der Leuchtmittelindustrie, der Luft- und Raumfahrt sowie für Werkzeuge in der Metallverarbeitung eingesetzt.

Warum ist Wolfram so schwer?

Wolfram besitzt eine sehr hohe Dichte von etwa $19,25 \text{ g/cm}^3$, was fast identisch mit der Dichte von Gold ist. Diese Eigenschaft macht es zu einem der schwersten Metalle überhaupt und führt dazu, dass bereits kleine Würfel eine überraschend hohe Masse aufweisen.

Ist Wolfram wertvoll oder teuer?

Obwohl Wolfram kein Edelmetall wie Gold oder Platin ist, gilt es als kritischer Rohstoff mit beträchtlichem Wert. Der Preis wird stark durch die industrielle Nachfrage und das begrenzte Angebot bestimmt, da ein Großteil der weltweiten Reserven in China liegt.

Wo kommt Wolfram in der Natur vor?

Wolfram tritt in der Natur nicht gediegen, also in reiner Metallform, auf. Es wird stattdessen aus verschiedenen Mineralien wie Scheelit oder Wolframit gewonnen, die in Bergwerken abgebaut und anschließend chemisch zu reinem Wolframpulver verarbeitet werden.

Wie hart ist Wolfram eigentlich?

Reines Wolfram ist bereits sehr fest, doch in Verbindung mit Kohlenstoff entsteht Wolframkarbid, eines der härtesten Materialien der Welt. Dieses „Hartmetall“ ist fast so hart wie Diamant und wird deshalb für Bohrköpfe, Sägen und langlebige Schmuckringe verwendet.

Kann Wolfram rosten?

An der Luft ist Wolfram bei Raumtemperatur sehr beständig und bildet eine schützende Oxidschicht, die weitere Korrosion verhindert. Erst bei sehr hohen Temperaturen über 400°C beginnt das Metall merklich zu oxidieren und reagiert mit dem Sauerstoff der Umgebung.

Ist Wolfram für den Menschen giftig?

Wolfram gilt im Vergleich zu anderen Schwermetallen wie Blei oder Quecksilber als relativ wenig toxisch. Dennoch können Stäube oder Dämpfe bei der industriellen Verarbeitung die Atemwege reizen, weshalb beim Schleifen oder Schweißen entsprechende Schutzmaßnahmen erforderlich sind.