Verletzliche Frachtrouten

Die riskantesten Nadelöhre im weltweiten Schiffsverkehr

Containerschiff vor dem Felsen von Gibraltar
Die Straße von Gibraltar gilt als eine der kritischen Engpassstellen in der weltweiten Versorgung per Seefracht.

Wo drohen Gefahren für die Lieferketten auf den Routen der Seefrachter? Wir haben kritische Bottlenecks identifiziert.

Als am Morgen des 28. Februar 2026 die ersten Bomben auf Teheran und andere iranische Städte fielen, stand für die Mullah-Regierung fest: Die Straße von Hormus wird dichtgemacht. Die an der schmalsten Stelle nur 55 Kilometer breite Meerenge wird jetzt vom iranischen Militär kontrolliert. Das Problem: Rund 20% des weltweiten Öls passiert die Straße von Hormus auf dem Weg in die Welt. Die Blockade bringt die Wirtschaft zwar nicht zum Erliegen, hat aber massive Auswirkungen auf die Ölpreise. Diese stiegen im Verlauf daher um bis zu 10% .

Wie anfällig die weltweiten Lieferketten sind, erfuhren Unternehmen schon früher, nämlich am 23. März 2021. An dem Tag legt sich das 400 Meter lange Containerschiff Ever Given im Suezkanal quer und bohrte schließlich seinen Bug in das sandige Ufer. Damit endete die Fahrt von China in die Niederlande vorerst, nichts ging mehr. Und zwar auf den kompletten 193 Kilometern des Meerwasserkanal in Ägypten. Sechs Kilometer nordöstlich der Stadt Suez, der südlichen Zufahrt zum Suezkanal, steckte die Ever Given fest und bewegte sich sechs Tage lang keinen Zentimeter von der Stelle.

Erst mithilfe der Profis des niederländischen Bergedienstes Smit Salvage und einer Vollmondflut gelang es, den Containerriesen freizubekommen und den Suezkanal wieder schiffbar zu machen. Wir haben die wichtigsten Engstellen und Passagen zusammengestellt, die - aufgrund von Unfällen oder politischen Unsicherheiten - eine Herausforderung für Reeder, Schiffbesatzung und nicht zuletzt die Wirtschaft sind.

Die wichtigsten Nadelöhre der weltweiten Schifffahrt

Dramatische Folgen der 6-Tage-Blockade des Suezkanals

Die Folgen dieses fast einwöchigen Kanalinfarktes waren immens: Das wohl sichtbarste Zeichen waren die mehr als 350 Schiffe, die sich an den Zufahrtsstellen Port Said im Norden und Port Taufiq im Süden, stauten. Darunter waren Containerschiffe und Tanker auf dem Weg von Asien nach Europa und umgekehrt.

Einer Kalkulation des Informationsdienstes Lloyd’s List zufolge kostet die Blockade die Weltwirtschaft aufgrund der Verzögerung von Waren rund 400 Millionen US-Dollar pro Stunde. Auch der Ölpreis reagierte empfindlich auf die Nachricht der feststeckenden Tanker und schoss zeitweise in die Höhe.

Ein weiterer Effekt: Durch den Stau verstärkte sich zudem der weltweite Mangel an Containern. Die Blockade-Woche hat die Menge der verfügbaren Container in Asien und Europa um 25 Prozent reduziert, hatte der Dienstleister Container X-Change berechnet. Die Container, die im Suezkanal feststeckten oder sich auf dem Weg um Afrika herum befanden, kamen später in Europa an und natürlich auch noch später in China.

Nachgelagerte Probleme betreffen die Zielhäfen. In Europa waren die großen Häfen wie Rotterdam oder Hamburg betroffen. An dem Tag, an dem das Containerschiff „Ever Given“ wieder flottgemacht wurde, standen etwa 60 Schiffe in der Schlange, um über den Suezkanal nach Rotterdam fahren. Bei diesen 60 Schiffen handelte es sich um 56 Containerschiffe, drei Tanker und einen Autotransporter.

An regulären Tagen fertigt der Rotterdamer Hafen durchschnittlich 80 Seeschiffe ab. Allerdings kommen nur gut zehn Prozent dieser Schiffe nach Angaben des Hafenbetriebs über den Suezkanal. Ein weiterer Stau war also vorprogrammiert.

Was hat die Ever Given quergelegt?

Hieß es zunächst, der Wind hätte die Ever Given von ihrem Kurs abgebracht, steht mittlerweile fest, welches Phänomen das Schiff aus der Bahn warf: Ein simples physikalisches Gesetz, das den sogenannten Bank Effect zur Folge hatte.

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Nähert sich ein großes Schiff in einem engen Kanal dem Ufer, wird auf dieser Seite der Raum für die verdrängten Wassermassen weniger. Die Folge: Das Wasser strömt schneller zwischen Schiffswand und Ufer hindurch, was den Druck im strömenden Wasser abnehmen lässt. Die unterschiedlichen Druckverhältnisse auf beiden Seiten drehen das Schiff aber unweigerlich. Im Fall der Ever Given hieß das: Das Schiff gierte im Uhrzeigersinn, sodass sich der Bug in das Ostufer bohrte und das Heck am Westufer auf Grund lief. Eine Drehung von lediglich 20 Grad reichte demnach aus, um dem Flaschenhals einen Pfropf zu verpassen.

Containerschiff in einer Schleuse des Panamakanals
Eine der wichtigsten künstlichen Seestraßen ist der Panamakanal. Das Besondere: Er führt über eine Hügelkette.

Doch der Suezkanal ist nicht der einzige Engpass auf der Welt. Vor allem auf der am meisten befahrenen Transportroute von Nordeuropa über das Mittelmeer, den Nahen Osten nach Asien lauern viele sogenannte Chokepoints. Stellen also, die für die internationale Schifffahrt mindestens unangenehm, wenn nicht sogar hochrisikoreich sein können. So wurde beispielsweise am 12.Dezember 2023 ein norwegischer Öltanker mit einer Rakete beschossen. Nur kurz zuvor, am 16. November, kaperten Huthi-Rebellen das unter der Flagge der Bahamas fahrende Frachtschiff Galaxy Leader und schleppten es vor der Küste Jemens. Bis heute (14.12.23) kann das Schiff nicht auf seiner geplanten Route Richtung Indien weiterfahren. Wo kann es also noch zu einem solchen Logistikinfarkt kommen? In unserer Bildergalerie finden Sie eine Zusammenstellung der wichtigsten Nadelöhre für Frachter und Tanker.

Dürre im Panamakanal

Ein weiteres Bottleneck ist die Querung von Mittelamerika durch den Panamakanal. Ihm geht langsam, aber sicher das Wasser aus. Die ersten Berichte kamen im Sommer 2023 auf, als eine ungewöhnliche Dürre die künstlich angelegte Fahrrinne zwischen Atlantik und Pazifik immer schlechter passierbar machte. 

Zeitweise warteten rund 200 Schiffe an den Einfahrten zu den Kanalschleusen. Die Folgen: weniger Schiffe, höhere Kosten. Alle Informationen zur Situation finden Sie hier.

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FAQ - Gefährliche Schifffahrtsrouten

Was sind Nadelöhre in der globalen Containerschifffahrt?

Nadelöhre sind enge oder strategisch wichtige Wasserstraßen, durch die ein großer Teil des weltweiten Schiffsverkehrs läuft. Eine Blockade oder Störung an diesen Stellen kann massive Auswirkungen auf Lieferketten und den Welthandel haben.

Welche sind die gefährlichsten maritimen Nadelöhre weltweit?

Zu den wichtigsten zählen der Suezkanal, die Straße von Hormus, der Panamakanal, die Straße von Malakka und das Bab al-Mandab. Diese Engpässe sind teils durch politische Instabilität, Piraterie oder klimatische Risiken gefährdet.

Warum ist die Straße von Hormus sicherheitspolitisch so brisant?

Durch sie fließt ein großer Teil des globalen Ölhandels, was sie zu einem geopolitisch sensiblen Punkt macht. Spannungen zwischen dem Iran und westlichen Staaten führen immer wieder zu Risiken für den Schiffsverkehr.

Welche Auswirkungen kann eine Blockade des Suezkanals haben?

Eine Blockade wie 2021 durch das Containerschiff Ever Given kann den Welthandel massiv stören, da alternative Routen wie um das Kap der Guten Hoffnung deutlich länger und teurer sind. Tägliche Lieferausfälle kosten Milliarden.

Wie wirken sich klimatische Veränderungen auf maritime Nadelöhre aus?

Wassermangel, wie zuletzt im Panamakanal, kann die Durchfahrtskapazität einschränken und zu Verzögerungen führen. Extremwetter, steigender Meeresspiegel oder Stürme erhöhen zusätzlich das Risiko für diese Schlüsselstellen der Logistik.