Block auf einen Hafendock mit Containerschiff von einer Drohne aus

Wenig los: In den chinesischen Häfen um Shenzhen und Guangzhou wird wegen eines Corona-Ausbruchs langsamer bis gar nicht abgefertigt. Ein erneutes Problem für die weltweiten Lieferketten. (Bild: aerial-drone - stock.adobe.com)

Update: 28. Juli 2021

Zwar ist die Schließung des chinesischen Hafens Yantian mittlerweile Geschichte, denn die Auslastung ist wieder an der Kapazitätsgrenze. Die Auswirkungen auf die globalen Lieferketten sind jedoch immer noch gravierend. Die Beeinträchtigungen waren laut einer Umfrage des Einkäuferverbands BME stärker als die Blockade des Suezkanals. Vor allem die Containersituation hatte sich drastisch verschärft. Die lokale Verwaltung hatte Yantian Ende Mai teilweise für mehr als einen Monat geschlossen. Zwischenzeitlich stauten sich mehr als 130 Containerschiffe.

Die BME-Umfrage gab auch Antworten auf konkrete Auswirkungen der Situation in Yantian auf deutsche Unternehmen. So befürchten knapp 30 Prozent anhaltenden Containermangel und 57 Prozent höhere Fracht- und Logistikkosten. Kapazitätsengpässe bei Frachten erwarten fast zwei Drittel der befragten deutschen Firmen. Das Umplanen von Frachtrouten ist für 50 Prozent ein Thema. Mit Produktionsengpässen sowie verspäteten Lieferungen von und nach China rechnen 29 Prozent bzw. 50 Prozent der Befragten.

 

In Indien steht die Corona-Alarmstufe schon längere Zeit auf dunkelrot. Eine verschleppte Impfstrategie und religiöse Großveranstaltungen haben die Zahlen in die Höhe getrieben. Die Folge: Wichtige Medikamente benötigt Indien jetzt selbst, der Einkauf von medizinischen Produkten aus dem Land gerät massiv ins Stocken oder kommt sogar komplett zum Erliegen.

Ähnlich könnte es nun in anderen asiatischen Ländern kommen: Auf viele der einstigen Musterschüler rollt aktuell eine zweite Corona-Welle zu. Betroffen sind neben Indien sowohl Taiwan als auch Singapur, Japan, Malaysia und Vietnam.

Aber auch in Thailand steigen die Zahlen - ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau - rasant an. Dort wiegte man sich ebenfalls in vermeintlicher Sicherheit trotz geringer Impfquoten.

Besonders drastische Auswirkungen könnten jetzt steigende Infektionszahlen in China haben. Wie der Guardian berichtet, geht ein Ausbruch in der Provinz Guangdong auf die Delta-Variante zurück. 150 Infizierte soll es bereits geben. Im benachbarten Shenzhen gab es ebenfalls einen Ausbruch, allerdings ohne Delta-Beteiligung.

Das hat Folgen für die Häfen der Provinzen. So stauen sich im viertgrößten Hafen der Welt, in Shenzhen-Yantian die Containerschiffe. Nach Angaben von Bloomberg sollen es mittlerweile 130 Frachter aus aller Welt sein. Denn die Behörden haben eine teilweise Schließung des Hafens angeordnet. Schiffe können weder ab- noch anlegen.

Vincent Clerc von der dänischen Reederei Maersk bewertet die Situation sogar schlimmer als die Blockade des Suezkanals durch die Ever Given im März. Der Rückstau dürfte also noch wochenlange Auswirkungen haben. Immerhin wurden im Jahr 2020 in Yantien rund 27 Millionen Standardcontainer umgeschlagen.

Auch andere Häfen in der Provinz Guangdong, wie Shekou, Chiwan und Nansha sollten laut der Nachrichtenagentur Reuters Containerschiffe nicht mehr ohne Reservierung abfertigen. Diese muss drei bis fünf Tage vor der geplanten Ankunft genehmigt sein. Shekou und Chiwan sollen ihre Kapazität um etwa 90 Prozent heruntergefahren haben.

Screenshot der Region um Shenzhen von Vesselfinder, der die vielen Containerschiffe im Stau zeigt
Stau in der Provinz Guangdong und den Häfen Yintian und Guangzhou, Nummer vier und fünf der Welt. (Bild: Screenshot Vesselfinder vom 22.6.2021)

Die Folgen für die Lieferketten und Europa

Eine der Folgen der aktuellen Probleme in den chinesischen Häfen sind steigende Frachtraten von China nach Europa. Laut Reuters schossen Sie auf ein Rekordhoch von 11.037 US-Dollar pro 40-Fuß-Container.

Besonders folgenschwer sind die Auswirkungen für die Tech- und Elektronikbranche. Sie leidet sowieso schon unter Verzögerungen aus dem letzten Jahr und der Suez-Blockade. Hinzu kommt: Rund 90 Prozent aller Elektronikexporte aus China laufen über den Hafen Shenzhen-Yantian.

Daher rechnet Nick Marro, Analyst für Welthandel bei der Economist Intelligence Unit in Hongkong auch mit einer längerfristig angespannten Lage. Traditionell füllen die westlichen Staaten ihre Lager im dritten Quartal eines Jahres. Einzelne Händler sollen jetzt bereits Bestellungen für die Weihnachtszeit aufgeben. Aus diesem Grund geht Marro davon aus, dass sich die Situation frühestens im vierten Quartel entspannen könnte.

Lockdowns und Quarantäne

In anderen südost-asiatischen Ländern ist die Lage ebenfalls angespannt. Malaysia ist beispielsweise wegen seiner Elektronikfertigung ein wichtiger Zulieferer weltweit. Seit Mitte April rollt die zweite Welle an, nun verhängte die Regierung einen erneuten Lockdown über das Land.

Auch in Taiwan gelten verschärfte Maßnahmen, vorläufig bis zum 8. Juni. Das bedeutet wieder Temperaturmessungen, Kontaktnachverfolgung und strenge Maskenpflicht. Dabei ließen sich die Neuinfektionen nicht auf eine eindeutige Quelle zurückverfolgen, so der taiwanesische Gesundheitsminister. Unternehmen müssen ebenfalls strenge Maßnahmen umsetzen, andernfalls müssen sie schließen.

In Singapur gilt für Einreisende mittlerweile eine dreiwöchige Hotelquarantäne, Ausländer mit Arbeitserlaubnis dürfen bis Anfang Juli nicht einreisen. Weiters gelten Lockdown-ähnliche Maßnahmen mit Kontaktbeschränkungen und der Schließung der Gastronomie.

Versorgung mit Halbleitern & Co gefährdet?

Besonders prekär ist die zweite Corona-Welle in Südostasien, da sie wichtige Lieferländer für elektronische Bauteile betrifft. Automobil- und Elektronikunternehmen klagen sowieso schon über fehlende Chips.

So hat der größte Fabrikant von Halbleitern, Taiwan Semiconductor Manufacuring (TSMC), besondere Schutzmaßnahmen ergriffen. So viele Mitarbeiter wie möglich werden ins Home Office beordert, denn mittlerweile verbreitet sich das Virus stark über lokale Infektionen, weniger über importierte Fälle.

Gleichzeitig sind bislang lediglich etwa ein Prozent der Bevölkerung Taiwans gegen Corona geimpft. Zum Vergleich: In Singapur sind es rund 35 Prozent mit wenigstens einer Dosis. Aber auch in Südkorea (3,4 Prozent) und Japan (2 Prozent) hinken in Sachen Impfung hinterher.

In Vietnam sieht es ähnlich düster aus: Auch hier haben lediglich ein Prozent der Bevölkerung bereits ihre erste Impfung erhalten. Zwar steigen die Zahlen aktuell noch nicht rasant an, allerdings macht die indische Corona-Mutation Sorge, sodass in einigen Regionen mit Industriezonen bereits wieder Lockdowns verhängt wurden.

So wurden in der letzten Zeit Mitarbeiter von etwa zehn ausländischen Herstellern, unter ihnen Samsung Electronics und Canon, positiv auf die indische Variante getestet. Samsung lässt im Norden Vietnams die Hälfte seiner Smartphones herstellen und auch Bosch fertigt seit geraumer Zeit in Vietnam Schubgliederbänder und betreibt Software-Entwicklungszentren.

Auch Häfen in anderen Kontinenten betroffen

Der Warenverkehr auf hoher See ist jedoch nicht nur betroffen, sondern auch Verbreiter der Pandemie. Denn Schiffsbesatzungen schleppen das Virus von Kontinent zu Kontinent.

So kamen mit dem Frachter Eaubonne beispielsweise nicht nur 3.000 Tonnen Reis von Kandla in Indien ins südafrikanische Durban. Ein Drittel der Besatzung brachte zudem die indische Corona-Mutation mit. Indische Häfen können derzeit nicht mehr oder nur unter sehr erschwerten Bedingungen angelaufen werden, berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Etwa 24.000 der 1,6 Millionen Seeleute weltweit stammen nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder aus Indien.

Daher wundert es nicht, wenn Häfen weltweit Maßnahmen ergreifen. Laut der Rating-Agentur Standard and Poor's verweigern mittlerweile einige Häfen die Einfahrt von Schiffen, die zuvor Häfen in Südasien angelaufen haben. So haben Singapur und die Vereinigten Arabischen Emiraten etwa Mannschaftswechsel verboten.

Diese Probleme gesellen sich zu den sowieso schon verzögerten Lieferzeiten, die durch Rohstoffmangel, Produktionsausfälle, fehlende Container und nicht zuletzt die Suez-Blockade entstanden sind.

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