Spritzendes Wasser

Wasser wird immer mehr zum strategischen Rohstoff. (Bild: kubais - stock.adobe.com)

Grünheide in Brandenburg ist ein einwohnerarmes, dafür aber waldreiches Gebiet. Das Natur- und Trinkwasserschutzgebiet hat vor allem eines im Überfluss zu bieten: Bäume, wohin das geneigte Auge blickt. Grüne Bäume. Mit demselben geneigten Auge hat sich auch Elon Musk die Gegend angeschaut: „Im Grunde sind wir nicht in einer sehr trockenen Region“, so seine Schlussfolgerung. „Bäume würden nicht wachsen, wenn es kein Wasser gäbe“, ist sich der Tesla-Chef sicher.

Warum es für Musk so wichtig ist, das zu betonen? Seine Gigafabrik, die aktuell im brandenburgischen Grünheide gebaut wird, soll ab Ende 2021 pro Jahr eine halbe Million Elektroautos produzieren. Obendrauf kommt die laut Musk „größte Batteriezellenfabrik der Welt“. Beides zusammen sind recht wasserintensive Vorhaben.

Das Kombi-Unterfangen zieht daher auch jede Menge Kritik auf sich: Denn „Giga Berlin“ wird inmitten eines Trinkwasserschutzgebietes gebaut. Laut dem ersten Bauantrag sollte die Fabrik rund 3,3 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr verbrauchen. Das wären pro Stunde rund 372 Kubikmeter gewesen. Kritikern wie die Bürgerinitiative Grünheide ist das zu viel.

Um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, twitterte der Tesla-Chef: "Ich glaube, wir müssen ein paar Dinge klarstellen! Tesla wird nicht jeden Tag so viel Wasser verbrauchen. Es ist möglicherweise ein Spitzenverbrauchsfall, aber kein tägliches Vorkommen."

Die Planungen wurden daraufhin drastisch gekappt, nun sollen pro Jahr noch knapp 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser zu Buche stehen – etwa so viel wie eine Stadt mit 30.000 Einwohnern jährlich verbraucht. Allerdings, das sei erwähnt, sollen in Musks Gigafactory spezielle Wasserspartechnologien zum Einsatz kommen. Diese würden laut Tesla dafür sorgen, dass auch das zusätzliche Batteriezellenwerk den Wasserverbrauch nicht weiter in die Höhe schraubt.

Umweltschützer und Anwohner befürchten jedoch, dass es nicht dabei bleibt. Denn eins zeigt das Projekt Grünheide des Elektroautobauers: Wasser ist ein Reizthema im notorisch trockenen Brandenburg. Meldungen über Waldbrände und Bewässerungsverbote für Gärten wurden in den vergangenen drei Jahren fast zum Alltag in der Region. Sogar im eigentlich so regenreichen Sommer 2021 sanken im Juni die Pegel der Spree.

Dass diese Phänomene kein Einzelfall bleiben werden, zeigt der aktuelle Bericht des Weltklimarats IPCC. Danach ist es sehr wahrscheinlich, dass die Sommer-Dürrezeiten in der Hauptstadtregion zunehmen, während es im Winter nasser würde. Für die Sommer brächte die Feuchtigkeit jedoch nicht sehr viel, da die erhöhte Temperatur für eine höhere Verdunstung sorgt.

Wer benötigt wie viel Wasser?

Die Befürchtungen über einen sich verschärfenden Wassermangel - nicht nur in Brandenburg - kommen nicht von ungefähr: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verbrauchen private Haushalte lediglich 11 Prozent des benötigten Wassers. Der Rest wird von Energieversorgern, dem verarbeitenden Gewerbe, Ver- und Entsorgern, sowie Landwirtschaft und Bergbau genutzt.

Insgesamt kamen dadurch im Jahr 2016 ziemlich genau 28,615 Milliarden Kubikmeter Wasser zustande. Das sind die aktuellsten Zahlen, die das Statistische Bundesamt zur Verfügung stellt.

Das verarbeitende Gewerbe allein ist für etwa 16 Prozent des jährlichen Wasserverbrauchs verantwortlich. Allerdings benötigen die einzelnen Produktionsbereiche unterschiedlich viel Wasser. Spitzenreiter im Verbrauch ist die chemische Industrie mit etwa 58 Prozent der gesamten Wassernutzung des verarbeitenden Gewerbes. Das entspricht rund 2,6 Milliarden Kubikmetern. Dahinter folgen die Metall-, die Nahrungsmittel- sowie die Papierindustrie.

Donut-Diagramm, das den Wasserverbrauch nach Produktionsbereichen und privaten Haushalten aufteilt
Wasserverbrauch in Deutschland nach Produktionsbereichen 2016. (Grafik: TECHNIK+EINKAUF, Quelle: Destatis, UBA)

Die gute Nachricht: Seit 1995 sinkt die benötigte Wassermenge, wobei sich auch hier die einzelnen Branchen unterscheiden. Überdurchschnittlich sank der Wasserverbrauch in der

  • Textilindustrie (-63 Prozent)
  • Elektronikindustrie (-68 Prozent)
  • Kokerei- und Mineralölindustrie (-55 Prozent).

Auch die Wasserintensität nahm von 1995 bis 2016 ab, wobei der Treiber hier die chemische Industrie war.

Die Wasserintensität misst die Menge der Wassernutzung bezogen auf die erzielte Bruttowertschöpfung des jeweiligen Wirtschaftszweigs bzw. Produktionsbereichs. Der Wert hat sich in der gesamten verarbeitenden Industrie zwischen den Jahren 2000 und 2016 um 46 Prozent verringert.

Das heißt aber auch: Eine niedrigere Wasserintensität kann zum einen an einem geringeren Wasserverbrauch pro Tonne Erzeugnis liegen oder aber an einer höheren Wertschöpfung durch gesunkene Rohstoff- und Energiekosten.

Donut-Diagramm, das den Wasserverbrauch Branchen des verarbeitenden Gewerbes prozentual aufschlüsselt
Wasserverbrauch des verarbeitenden Gewerbes 2016. (Grafik: TECHNIK+EINKAUF, Quelle: Destatis, UBA)

Viel Verbrauch, aber auch viel Nachschub

Für den größten Teil des Wasserverbrauchs in Deutschland ist die Energieversorgung verantwortlich. Sie ist mit 52,9 Prozent mit Abstand der größte Wassernachfrager. Bergbau und verarbeitendes Gewerbe (24,2 Prozent) lagen zusammen mit der öffentlichen Wasserversorgung (21,7 Prozent) fast gleichauf. Die Landwirtschaftliche Beregnung machte dagegen nur geringe 1,3 Prozent aus.

Das meiste Wasser geht übrigens in die Kühlung. Laut Destatis waren das im Jahr 2016 rund 16,638 Milliarden Kubikmeter. Für Produktions- und andere Zwecke nutzt die Industrie dagegen nur gut 1,586 Milliarden Kubikmeter.

Der Entnahme der 28 Millionen Kubikmeter Wasser für den deutschen Verbrauch steht – zumindest potenziell – ein Angebot von rund 188 Milliarden Kubikmeter Wasser gegenüber. Zum Wasserangebot zählen sowohl Grundwasser als auch Oberflächenwasser.

Damit zählt Deutschland zu den wasserreichen Ländern. Der Haken daran: Diese Zahlen des Umweltbundesamtes beziehen sich auf die Zeitperiode zwischen 1961 und 1990. Seitdem sind die sonst recht regenreichen Sommer um einiges trockener geworden.

Wasser als Transportmittel

Wasser dient in Deutschland jedoch nicht nur als Rohstoff und Verbrauchsstoff. Die Dürre des Jahres 2018 hat gezeigt, wie abhängig beispielsweise die Binnenschifffahrt hierzulande von vollen Flüssen und damit Regenwasser ist. Immerhin beträgt der Anteil der Binnenschifffahrt am Güterverkehr Deutschlands noch rund 7,3 Prozent.

So musste BASF wegen des niedrigen Wasserpegels im Rhein eine Kunststoffproduktion in Ludwigshafen stilllegen. Die Rohstoffe für die Herstellung von Toluoldiisocyanat (TDI) kamen einfach nicht mehr an, obwohl sich der Chemiekonzern um Alternativen zum Schiff bemühte.

Aber weder Pipelines noch Lastwagen oder Züge konnten die Rohstoffe in ausreichender Menge herbeischaffen. 40 Prozent der Güter werden am Stammwerk per Schiff transportiert. Auch die Wasserentnahme aus dem Rhein für die Kühlung musste der Chemieriese drosseln.

Doch 2018 war kein Ausnahmejahr: Auch 2020 gab es extremes Niedrigwasser auf Deutschlands wichtigster Binnenroute, dem Rhein. Viele Schiffe mussten ihre Ladung reduzieren, um überhaupt fahren zu können – mit erheblichen Mehrkosten. Ein Schubverband mit einer Tragfähigkeit von 5.200 Tonnen konnte zeitweise nur noch 2.200 bis 2.400 Tonnen transportieren, um den Loreley-Felsen zu umschiffen.

Der Dürremonitor des Helmholz-Zentrums für Umweltforschung zeigte für Deutschland sogar noch im Januar 2021 zahlreiche dunkelrote Zonen für außergewöhnlich trockene Gebiete.

Wasserstrategie Deutschland

Das meiste Trinkwasser in Deutschland wird aus dem Grundwasser entnommen, über 70 Prozent. Laut Jörg Rechenberg, Leiter des Fachgebiets Wasser und Boden beim Umweltbundesamt (UBA) lasse die Trockenheit des Bodens zwar keine direkten Rückschlüsse auf die Grundwasserstände zu, doch aktuelle Daten der einzelnen Bundesländer ließen nicht Gutes erahnen.

Ende Dezember 2020 bewegten sich die Grundwasserstände in Hessen an 73 Prozent der Messstellen auf einem unterdurchschnittlichen Niveau, so Rechenberg. Von einem Wasserstress sprechen Experten jedoch erst, wenn dauerhaft mehr als 20 Prozent des verfügbaren Wassers entnommen werden. Aktuell seien es im Schnitt rund 13 Prozent.

Doch Rechenberg mahnt: „Wir müssen anders mit unserem Wasser umgehen." Sonst gerieten Teile von Deutschland sehr wohl in einen Wasserstress.

Damit das nicht passiert, hat das Bundesumweltministerium 2021 eine Nationale Wasserstrategie vorgestellt. Diese soll die natürlichen Wasserreserven Deutschlands sichern, Vorsorge gegen Wasserknappheit leisten, Nutzungskonflikten vorbeugen, sowie den Zustand der Gewässer und die Wasserqualität verbessern. Kurz: die Nachhaltigkeit verbessern. Der Zeithorizont ist erst einmal bis 2050 gesteckt und umfasst zehn strategische Themenbereiche.

Wassermangel legt international Fabriken lahm

Nicht nur in Deutschland führt Wassermangel dazu, dass Werke stillstehen und Lieferketten strapaziert werden. So musste Samsung im Februar und März 2020 seine Chip-Produktion in den USA stoppen – allerdings nicht wegen einer Dürre. Der strenge Winter hatte in Texas Rohre, Pumpen und Wasserwerke beschädigt. Durch den Druckabfall kam es zudem zu Verunreinigungen. Bereits zuvor hatten die Samsung-Fabriken schließen müssen, da es zu aufgrund der Kälte zu Stromausfällen gekommen war.

Auch in Taiwan wirkt sich Wassermangel aus, und zwar auf die Produktion von Halbleitern. Schuld sind hier ausbleibende Regenfälle bis Mai 2021. Zwischenzeitlich galt die höchste Warnstufe Rot in vielen Regionen. Sauberes Wasser wurde teilweise auf Tank-Lkws zu den Fabriken der Chiphersteller TSMC und UMC gebracht.

Die Regierung hat die Beschränkungen zur Wasserversorgung in mehreren Regionen Mittel- und Südtaiwans mittlerweile jedoch gelockert. Das zuständige Central Emergency Operation Center (CEOC) begründete die Entscheidung mit den jüngsten Regenfällen, die die historische Dürre in Taiwan zum Teil abgemildert hätten. Starke Regenfälle und ein Taifun haben die Wasserspeicher Taiwans seit Juni wieder aufgefüllt.

Doch auch in anderen Ländern Asiens müssen Werke der länger anhaltenden Trockenheit Tribut zollen. So standen 20 Siliziumschmelzen in China zu Beginn des Jahres 2021 still, weil zu wenig Strom aus Wasserkraft gewonnen werden konnte.

Wie drastisch sich ein solcher Ausfall auswirken kann zeigen die Zahlen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR): Jährlich produzierten Bergwerke weltweit rund 3,15 Millionen Tonnen Silizium. Davon entfielen laut BGR etwa 2,2 Millionen Tonnen auf China – und dabei gibt es am Rohstoff für Silizium selbst keinen Mangel. Einen längeren Stillstand im Reich der Mitte könnten also auch andere Produktionsländer wie Russland, Brasilien oder Norwegen nicht abfedern. Diese folgen erst mit weitem Abstand hinter China.

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Wem gehört der Rohstoff Wasser?

Anders als viele andere Rohstoffe gehört Wasser niemandem, sondern ist Gegenstand gemeinschaftlicher Bewirtschaftung: „Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss“, heißt es in der europäischen Wasserrahmenrichtlinie.

Und auch die Vereinten Nationen haben - bereits im Jahr 2010 - ein Menschenrecht auf Wasser festgeschrieben.

In künftigen Extremsituationen allerdings wird diese Vorgabe kaum ohne Konflikte zwischen den Wasserverbrauchern umzusetzen sein. Mehr denn je gilt daher: „Wir dürfen Wasser nicht nur als Medium betrachten, sondern als Essenz des Lebens – als Essenz der Gesellschaft“, so der Präsident des Umweltbundesamtes Dirk Messner beim Nationalen Wasserdialog 2020. Das Augenmerk müsse stets auch auf der Stärkung der Ökosysteme liegen.

Sonst könnte es kommen, wie Boutros Boutros-Ghali schon in den 1980er-Jahren orakelte. Der damalige Außenminister Ägyptens und spätere UN-Chef prophezeite, dass die Kriege des 21. Jahrhunderts um Wasser geführt würden. Zumindest bei Protesten ist man in Brandenburg schon einmal angekommen.

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