Mohammeld El Hadrati, von der Abteilung Entwicklung (links) und Pascal Borusiak (rechts), von der Abteilung Einkauf, bei SMC Deutschland

Mohammeld El Hadrati, Entwicklung (links) und Pascal Borusiak, Einkauf, arbeiten bei SMC Deutschland eng zusammen. (Bilder: Olaf Herrmann)

| von Annette Mühlberger

Herr Borusiak, Sie sind für Einkauf und Produktion von SMC Deutschland verantwortlich. Der Konzernsitz ist Japan. Inwiefern sind Sie in die unternehmensweiten Prozesse eingebunden?

Pascal Borusiak: SMC hat als Konzern eine sehr hohe Fertigungstiefe. Wir sind ganz klar ein Hersteller und haben als solches die Philosophie, im internationalen Fertigungsverbund von 38 Werken so viel wie möglich selbst zu produzieren. Das heißt, die Zusammenarbeit mit den anderen Gesellschaften gehört genauso zu meinen Aufgaben wie die Beschaffung bei externen Partnern. Wir schauen auf die gesamte Supply Chain. Einige Warengruppen, wie zum Beispiel Rohstoffe, beschafft der Konzern natürlich global und gebündelt.

Herr El Hadrati, Sie entwickeln am Standort in Egelsbach Lösungen für deutsche Industriekunden?

Mohammed El Hadrati: Exakt. SMC hat Technik Center in Japan, China, in den USA, in Großbritannien und Deutschland. Aus Egelsbach heraus entwickeln wir mit rund 100 Ingenieuren für den deutschen Markt. Wir sind Lösungsanbieter für pneumatische und elektrische Automatisierungstechnik. Unser Portfolio mit mehr als 12.000 Basismodellen umfasst unter anderem elektrische und pneumatische Zylinder, Ventile, Temperiergeräte, Ionisierer und Sensorik. Im Bereich der pneumatischen Lösungen ist SMC Weltmarktführer.

Welches Ziel Einkauf und Entwicklung haben

Welche Themen diskutieren Sie mit dem Einkauf?

El Hadrati: Die Kundenanforderungen sind mittlerweile sehr komplex. Darauf müssen wir schnell und flexibel reagieren. Bei komplexen Themen binden wir die Beschaffung schon ganz zu Anfang in die Konzeptphase mit ein.

Warum ist das so wichtig?

El Hadrati: Weil wir so von Beginn an zusammen überlegen, was können wir selbst, was kaufen wir zu und bei welchen Lieferanten beschaffen wir das? Für uns ist Qualität entscheidend. Die passgenaue Lösung für unseren Kunden kann man nicht einfach aus dem Hut zaubern. Hierfür brauchen wir den Dialog von Anfang an.

Das heißt, auch bei SMC hat sich die Rolle des Einkaufs verändert?

Borusiak: Ja, wir sind heute Lösungsanbieter für die Kollegen in der Entwicklung.

El Hadrati: Wir haben die Erwartungshaltung, dass der Einkauf proaktiv tätig wird. Er muss sich im Vorfeld mit der Suche, mit der Bewertung, mit Alternativen beschäftigen, damit es nicht zu Engpässen kommt.

Wie verändert sich die Zusammenarbeit von Mitarbeiter und Lieferant?

Mit dem Besteller von einst kann auch die Technik nichts mehr anfangen?

El Hadrati: Wir brauchen qualifizierte Einkäufer, die mitdenken, die die Dinge in die Hand nehmen und proaktiv arbeiten.

Borusiak: Und die darüber hinaus technisch qualifiziert sind, damit sie sich eindenken können. Unsere Kunden kommen mit Ideen und Visionen, die wir für Sie ausformulieren. Das ist eine Besonderheit des deutschen Marktes und auch für den Einkauf eine Herausforderung.

Sie fertigen vieles selbst, was kaufen Sie noch zu?

El Hadrati: Wir kaufen elektrische und elektronische Komponenten, weil wir diese nicht fertigen. Bei mechanischen Bauteilen nutzen wir Lieferanten als Second Source. Wenn unsere Fertigung ausgelastet ist, wenn wir schnell reagieren müssen oder bei Kunden Unerwartetes passiert, auch dann brauchen wir den Einkauf.

Das eigentliche Know-how bleibt im Haus?

El Hadrati: Für uns als Lösungsanbieter geht es darum, unsere Kunden zu verstehen. Wir investieren sehr viel Arbeit, weit bevor wir in die Konzeptionsphase gehen und die finale Lösung mit den Spezifikationen vorstellen.

Was verlangt dieses kundenindividuelle Vorgehen vom Einkauf?

Borusiak: Wir brauchen einen sehr flexiblen Einkauf. Im Fokus stehen Qualität, Nachhaltigkeit und Lebensdauer. SMC-Philosophie ist, Produkte mit so wenig Ressourceneinsatz und globalem Footprint wie möglich herzustellen. Hierfür ist die Zusammenarbeit mit Lieferanten auf Augenhöhe und auf sehr hohem Niveau essenziell.

Wie Partner die Beschaffung unterstützen

Elektronik ist kein einfacher Beschaffungsmarkt. Was ist Ihr Rezept?

Borusiak: Als japanisches Unternehmen legen wir sehr viel Wert auf langfristige Partnerschaften. Hier ist eine intensive Einkaufs- und Beziehungsarbeit zum Lieferanten gefragt.

El Hadrati: Unsere Produkte sind leicht, kompakt und energieeffizient. Qualität steht für uns an oberster Stelle. Deshalb sind wir nicht unbedingt geneigt, unsere Partner ständig zu wechseln.

Welche Spielräume haben Sie dann im Einkauf?

Borusiak: Bei SMC hat die bestmögliche Lösung absolute Priorität. Das beinhaltet das entsprechende Design und das entsprechende Engineering. Die japanische Philosophie achtet dabei sehr darauf, dass das alles genau durchdacht ist. So entstehen die Kosteneinsparungen im Entwicklungsprozess. Wir verfolgen eine Politik der kleinen Schritte, wie bei einer Treppe. Wenn wir oben angelangt sind und die Entscheidung steht, sind die Effekte auch in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit deutlich spürbar.

El Hadrati: Das Konzept muss stimmen. Alles andere wäre eine Verschwendung von Ressourcen.

Viele Lieferanten arbeiten gerade an der Kapazitätsgrenze. Trifft das auch SMC?

Borusiak: Bei extrem kritischen Themen gehen wir auf eine Second Source, da hat man schon Alternativen. Wenn Bauteile abgekündigt werden, was im Elektronikbereich schon mal vorkommt, gehen wir möglichst früh mit den Kunden in den Dialog und besprechen ein eventuelles Re-Design. Und natürlich sichern wir uns über Lagerhaltungen lokal und zentral für Europa ab. Auch um Lieferengpässe durch lange Überseezeiten zu vermeiden. Rohmaterialien werden von SMC international mit sehr viel Weitblick bevorratet.

Wie das Unternehmen und die Mitarbeiter mit dem hohen Tempo umgehen

SMC ist kundenfokussiert. Treiben Ihre Kunden die Innovation?

El Hadrati: Absolut. Mit dem Kunden fangen wir an, hören zu, was er braucht, seine Anfragen und Anforderungen. Im nächsten Schritt kommen wir zusammen, stellen Konzepte vor, diskutieren und entwickeln sie gemeinsam weiter. 

Borusiak: Natürlich schauen wir auch produkt­seitig und aus dem Konzern heraus: Was können wir noch tun und wie? Das geht dann so weit, dass wir über unsere 3D-Druckmöglichkeiten einbaufähige Prototypen fertigen.

Agil zu arbeiten ist für Sie also kein Neuland?

El Hadrati: Durch das kundenindividuelle Vorgehen sind wir schon immer extrem flexibel. So ist SMC entstanden und groß geworden.

Trotzdem verlangt der Markt ein immer höheres Tempo. Wie gehen Sie damit um?

El Hadrati: Es ist in der Tat schwierig, beides zu gewährleisten. Anspruchsvollste Technik in immer kürzerer Zeit. Das ist ein Kompromiss, den wir zu finden versuchen.

Mit welchem Ergebnis?

El Hadrati: Wir sprechen das Thema bei Kunden offen an. Ich kann Testphasen nicht verkürzen, ohne dass dies Einfluss auf die Qualität hat. Wir liefern an deutsche Industrieunternehmen, die weltweit exportieren. Qualitätsprobleme und Reklamationen können und wollen wir uns nicht leisten!

Wie die Digitalisierung den Einkauf verändert

Wie managt der Einkauf die zunehmende Geschwindigkeit?

Borusiak: Wichtig ist der frühe Aufbau von Partnerschaften, sodass der Übergang in den Serienbetrieb reibungslos erfolgen kann, weil alles bereits besprochen ist. Dazu kommen die richtige Beschaffungsstrategie und natürlich Second Sources.

Und Ihre eigene Fertigung? Muss die nicht auch schneller werden?

Borusiak: Als Industrieunternehmen beschäftigen wir uns natürlich mit den Vorteilen von Industrie 4.0 und der Digitalisierung von Prozessen mit dem Ziel, so viel Wertschöpfung wie möglich an die Maschinen zu bringen. Wir nutzen digitale Kollaborationsplattformen, Netzwerktechnologien und Software, die administrative Zeiten spart.

Mit welchem Ergebnis?

El Hadrati: Wir arbeiten mit neuen Partnern, die zum Beispiel Cloud-Lösungen anbieten. Wenn wir über Digitalisierung reden, meinen wir intelligente Produkte und die Möglichkeit, sie untereinander zu vernetzen. Hierfür schaffen wir die Schnittstellen. Der Kunde bzw. Maschinenbauer führt die Produkte der verschiedenen Hersteller zusammen, kann seine Maschine mit der Außenwelt vernetzen und so die Vorteile der Digitalisierung nutzen.

Kaufen Sie digitale Kompetenzen eher zu oder bauen Sie diese auch intern auf?

Borusiak: Wenn es um uns selbst geht im Sinne der eigenen Optimierung, bauen wir die Kompetenzen intern auf. Wie weit das zukünftig geht und was wir damit am Markt tun werden, ist eine andere Thematik. Auch inwiefern wir als Lösungsanbieter mit Partnern ein Gesamtpaket bieten. Daraus ergibt sich eine Herausforderung an den Einkauf. Denn hier sind wir nicht mehr im mechanischen, sondern in einem schnittstellenprotokoll- oder elektrisch/elektronisch getriebenen Bereich unterwegs. Und da fokussieren wir uns auf Partnerschaften.

Für die Digitalisierung haben Sie einen internen Kompetenzbereich. Deckt dieser auch die neuen Einkaufsthemen ab?

Borusiak: Ja, das betrachten wir parallel. Weil es ein anderer Ansatz ist, eine andere Denkweise. Da geht es auch um Businessmodelle und die Positionierung des Unternehmens.

Wie wird Ihr Weg in die digitale Zukunft aussehen?

Borusiak: Wir überlegen aktuell, wie wir uns positionieren, was für uns Sinn macht. Man darf sich nicht verbiegen. Qualität und Lieferfähigkeit bleiben oberste Maxime. Deshalb brauchen wir neue Denkansätze, Menschen mit anderen Ausbildungen, die an solche Themen anders rangehen, dann aber auch die Brücke bauen. Für uns sind Kommunikation und Partnerschaft im Unternehmen, die Dialogkultur, die wir sehr fokussieren, auch in diesem Prozess sehr wichtig.

El Hadrati: Wir erweitern unser elektrisches Produktportfolio, bauen es aus und testen für unsere Produkte die Grenzen der Digitalisierung. Der Markt ist stark in Bewegung. Es ist für viele noch nicht klar, was die Anforderungen in Bezug auf die Digitalisierung sind. Wir optimieren unsere Produkte für die Digitalisierung und Industrie 4.0 und überlegen: Genügt das, bieten wir etwas on top und haben wir hierfür die richtigen Partner.

Industrie 4.0 lässt sich für viele noch nicht greifen. Alle haben im Moment eigene Ideen, erstellen Konzepte, und Lösungen. Ob diese zum Erfolg führen, weiß heute noch niemand. Mit der Cloud zu arbeiten ist auch ein Security-Thema. Deshalb optimieren wir unsere Produkte zunächst so weit, dass wir die nächste Stufe sicher gehen können. Das entspricht der SMC-Philosophie: Wir entwickeln das qualitativ beste Produkt für den Kunden und bedienen darüber hinaus den Markt.

Vita Mohammed El Hadrati

Portrait von Mohammed El Hadrati, der im Einkauf von SMC Deutschland arbeitet
Mohammed El Hadrati, Einkauf SMC Deutschland. (Bild: Olaf Hermann)

Mohammed El Hadrati ist Manager Electric Techology Center der SCM-Deutschland GmbH. Der Elektroingenieur mit Zusatzstudium der Netzwerktechnik war zunächst Lehrbeauftragter im Bereich Informatik an der Hochschule Fulda, bevor er für SMC Deutschland zunächst als Technical Support Engineer und Projektmanager tätig wurde.

Vita Pascal Borusiak

Portrait von Pascal Borusiak, der in der Entwicklungsabteilung von SMC Deutschland arbeitet
Pascal Borusiak, Entwicklung SMC Deutschland. (Bild: Olaf Herrmann)

Der Wirtschaftsingenieur Pascal Borusiak verantwortet als Head of Business Processes unter anderem die Bereiche Digitale Transformation, Marketing, Produktion, Materialwirtschaft, Einkauf und Controlling. Das Geschäftsleitungsmitglied war zuvor als kaufmännischer Geschäftsführer für mehrere internationale Tochtergesellschaften der Heidelberger Druckmaschinen AG tätig.

Das Unternehmen: SMC Deutschland GmbH

Der Hersteller und Lösungsanbieter für pneumatische und elektrische Automatisierung ist seit 1978 auf dem deutschen Markt. Er wurde als deutsches Tochterunternehmen der japanischen SMC Corporation mit Sitz in Tokio gegründet. Für SMC Deutschland sind rund 750 Mitarbeiter tätig. Der Umsatz belief sich 2017/2018 auf über 158 Mio Euro. Mehr unter: www.smc.eu

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