Thilo Morlock (Einkauf, links) und Timo Gessmann (Entwicklung, rechts)

Thilo Morlock (Einkauf, links) und Timo Gessmann (Entwicklung, rechts) erzählen, wie sie bei Schunk das Partnernetzwerk aufgebaut haben. (Bild: Rüdiger J. Vogel)

TECHNIK+EINKAUF: Herr Gessmann, Herr Morlock, Sie verantworten für Schunk Entwicklung und Einkauf, wie sieht Ihre Zusammenarbeit aus?

Timo Gessmann: Für Top-Produkte braucht man Top-Zulieferer. Deshalb arbeiten wir von Beginn an eng mit dem Einkauf zusammen. Unsere Entwicklung arbeitet in einer Matrix über die Geschäftsbereiche hinweg in Projektteams. Wir beobachten die Märkte, schauen, was die Kunden benötigen, wo die technologische Entwicklung hingeht und definieren alle Aspekte einer Neuentwicklung. Dazu gehören die technischen Anforderungen, die Herstellkosten, welche Komponenten wir selbst abdecken wollen, welche Partner wir darüber hinaus suchen. Durch die Digitalisierung und wachsende Automatisierung in allen Bereichen werden unsere Greifsystem- und Spanntechnikkomponenten immer komplexer und damit auch die Lieferketten.

Thilo Morlock: Wir nehmen den kompletten Produktlebenszyklus in den Blick. Neben Rohmaterialien kaufen wir Güter wie Software und Elektronik. Das verändert den Beschaffungsprozess und angegliederte Bereiche wie den Wareneingang und die Qualitätssicherung. Dabei versuchen wir uns ein langfristiges Partnerschaftsnetzwerk aufzubauen und die Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten so gering wie möglich zu halten. Wenn der Einkauf von Anfang in den Entwicklungsprozess eingebunden ist, spart das nachträgliche Änderungen, die umso aufwendiger und teurer werden, je später sie stattfinden.

Was war und ist für Sie in der Lieferkrise herausfordernd?

Gessmann: Zum einen hat die Weiterentwicklung unseres Portfolios in Richtung vernetzter Komponenten und digitaler Services unsere Lieferantenstruktur stark verändert. Dazu kommt im Elektronikbereich der Chipmangel. Natürlich prüft man dann, ob man auf die richtigen Zulieferer setzt und versucht sich breiter aufzustellen. Durch eine noch engere Abstimmung ist es uns gelungen, Lösungsansätze bis zum Re-Design zu finden, um auch andere Teile verbauen zu können. Auch ganz neue Ideen sind entstanden, etwa fehlende Dichtungen im 3D-Druckverfahren selbst herzustellen. Was mich positiv überrascht hat, war der Zusammenhalt in unserem Netzwerk nach außen. Wir haben erlebt, dass uns Bauteile angeboten wurden, alternative Lieferquellen empfohlen und umgekehrt. Nicht nur intern, auch der Markt ist in der Krise zusammengerückt.

Morlock: Um unsere Versorgung sicherzustellen, haben wir frühzeitig ein internes Notfallmanagement aufgebaut. Trotzdem haben auch wir nicht mit einer solchen Dynamik gerechnet. Wir schlagen neue Beschaffungswege ein, kaufen unter anderem bei Brokern. Das erfordert eine Anpassung der Abläufe bis zur Neuformulierung von Freigabeprozessen. Geholfen hat uns beim Sourcing außerdem die enge Zusammenarbeit mit unseren Werken und Niederlassungen. Der globale Support war sehr wertvoll.

Wenn der Einkauf von Anfang eingebunden ist, spart das nachträgliche Änderungen, die umso aufwendiger und teurer werden, je später sie stattfinden.

Thilo Morlock, Leitung Einkauf Schunk

Inwiefern ist Ihre Lieferkette vom Krieg in der Ukraine und den Sanktionen gegenüber Russland betroffen?

Morlock: Wir beobachten die aktuellen Ereignisse und deren Auswirkungen auf die Lieferketten genau, um die Liefer- und Prozesssicherheit für unsere Kunden zu gewährleisten. Unsere Produkte fertigen wir ausschließlich in Deutschland, Westeuropa und Nordamerika. Im Moment erwarten wir deshalb keine Störungen in der Materialversorgung.

Welche Rolle spielt die Internationalisierung der Lieferketten? Welchen Abhängigkeiten sind Sie ausgesetzt?

Morlock: Schunk hat 34 Ländergesellschaften und Vertriebspartner in über 50 Ländern. Dieses Netzwerk nutzen wir auch für die Lieferantenakquise in unserem hochtechnologischen Umfeld. Die Beschaffung planen wir langfristig, berücksichtigen Umwelt- und Kostenaspekte. Wir haben unseren CO2-Fußabdruck im Blick und versuchen verantwortungsvolle Entscheidungen im Hinblick auf Bestellmengen und Transportwege zu treffen. Abhängig sind wir bei den Transportkosten, wenn beispielsweise die Preise für Seefrachtcontainer wegen Verknappung explodieren. Wir stehen zum Produktionsstandort Deutschland und bleiben bei einer hohen eigenen Fertigungstiefe. Daher halten wir Abhängigkeiten gering und können trotzdem produzieren, auch wenn Lieferketten zusammenbrechen. Wir haben im Zweifel lokale Alternativen.

Thilo Morlock
(Bild: Rüdiger J. Vogel)

Vita Thilo Morlock

Thilo Morlock ist seit 2012 für Schunk tätig und verantwortet seit 2016 den Zentraleinkauf des Unternehmens. Zuvor hatte der Prokurist verschiedene Positionen im Einkauf u.a. für MAG IAS und Jungheinrich inne.

Welche Herausforderungen birgt konsequentes Dual Sourcing?

Morlock: Bei den Neuentwicklungen schauen wir heute sehr viel stärker nach einer Second Source und haben neue Lieferanten aufgebaut. Der Prozess ist aufwändig. Deshalb muss man abwägen, was können wir im Einkauf, was in Entwicklung und Qualitätssicherung leisten und bis zu welchem Grad macht eine Aufteilung Sinn. Vom Re-Design, über neue Lieferanten bis zur vertraglich engeren Zusammenarbeit mit bestehenden Partnern schöpfen wir alle Möglichkeiten aus. Nicht pauschal, sondern immer angepasst aufs Produkt.

Welche Aspekte spielen für Ihre Lieferantenauswahl eine Rolle?

Morlock: Liefertreue und Kundenzufriedenheit stehen für SCHUNK an erster Stelle. Deshalb spielt die Liefertreue unserer Lieferanten über die gesamte Produktlebensdauer eine sehr große Rolle. Im Projektteam prüfen wir Kostenpotenziale, in dem wir versuchen, Single Source zu vermeiden und alternative Lieferquellen einzuplanen. Gleichzeitig prüfen wir, wie wir unsere hohen Qualitäts- und Nachhaltigkeitsansprüche abdecken können. Elektronik ist nicht gleich Elektronik, Rohmaterial nicht gleich Rohmaterial. Als Familienunternehmen setzen wir auf persönliche, vertrauensvolle und langfristige Beziehungen. Wir verfolgen einen konsequenten TCO-Ansatz. Der Blick allein auf Savings ist für uns zu kurz gesprungen.

Gessmann: Wir brauchen Zulieferer, die weiterdenken und SCHUNK helfen, sich weiterzuentwickeln - in Bezug auf Nachhaltigkeit, Technologie und Qualität. Nachhaltigkeit ist eines unserer Kernthemen in den kommenden Jahren. Wir nutzen die industrielle Transformation, um klimaneutrale Produktionsprozesse mit nachhaltigen Produkten zu etablieren. Die Automatisierung ist ein großer Treiber und bietet die Chance in vielen Bereichen energie- und ressourcenschonender zur produzieren. Innovative Produkte wie unsere energiefreie Greiftechnologie ADHESO oder unser intelligenter Werkzeughalter iTENDO² leisten hierfür schon einen Beitrag.

Durch Digitalisierung und Automatisierung werden unsere Greifsystem- und Spanntechnikkomponenten komplexer und damit auch die Lieferketten.

Timo Gessmann, CTO Schunk

Inwieweit hat der Technologiewandel den Einkauf verändert?

Morlock: Mit den Veränderungen der Lieferkette durchläuft auch der Einkauf eine Lernkurve. Einerseits sind die Grundkompetenzen, die Sie brauchen, um Stahl oder Software einzukaufen, gleich. Andererseits gibt es große Unterschiede, da es bei Software sehr viele vertragsrechtliche Themen in Bezug auf Urheber- und Nutzungsrechte zu berücksichtigen gilt. Der Dienstleistungseinkauf hat eigene Gesetze. Unser Warengruppenmanagement haben wir an die neuen Anforderungen angepasst.

Wo kaufen Sie Innovationen ein?

Gessmann: Wir haben enge Kontakte zu Hochschulen, sind aktiv in Verbänden und Startup-Netzwerken. Auch Kunden werden zu Partnern im Bereich Software und Elektronik. Anders als im klassischen Maschinenbau brauchen Sie in der mechatronischen Welt Partner. Die Offenheit für Entwicklungspartnerschaften treiben wir voran. Wir arbeiten mit Startups, bringen unser Fertigungs-, Markt- und Branchenwissen mit deren Technologien zusammen und führen sie zur Marktreife. Mit dem Start-up Innocise haben wir eine neuartige, nachhaltige Greiftechnologie auf den Markt gebracht, die ohne externe Energie auskommt. Als Kooperationsplattform für Technologiepartner dient unser Roboter-Applikationszentrum CoLab, in das wir Technologiepartner einladen, um ihre Anwendungen zu testen und gemeinsam zu überlegen, wie sich damit Automatisierungsprozesse darstellen lassen. Wir testen das anhand realer Anwendungen, die wir im Lab realitätsnah validieren können.

Timo Gessmann
(Bild: Rüdiger J. Vogel)

Vita Timo Gessmann

Timo Gessmann ist seit 2019 für Schunk als CTO für Innovation, Forschung und Entwicklung verantwortlich. Zuvor war der Softwareingenieur bei Bosch in verschiedenen Entwicklungs- und Innovationsbereichen tätig. Zuletzt leitete er das Bosch IoT-Lab in Zürich.

Kann man von den Partnern etwas lernen?

Morlock: Wir sind im Einkauf in vielen Bereichen schneller geworden, haben Prozesse optimiert und verschlankt. Gelernt haben wir auch: In der Zusammenarbeit mit Startups muss man aus Sicht eines Mittelständlers auch mal loslassen können. Diese Unternehmen erwarten eine schnelle, unkomplizierte Zusammenarbeit. So sind sie groß geworden.

Welche Anforderungen stellen Sie an Entwicklungs- und Serienpartner?

Morlock: Je nach Produkt und Projektart arbeiten wir auf einer anderen Basis mit unseren Lieferanten zusammen. Wir gehen schnell in die Prototypenentwicklung, dann folgen die weiteren Entwicklungsschritte und wir bewerten nach den Dauerläufen die Lieferanten nochmals im Detail. Nicht alle Entwicklungspartner werden Serienlieferanten. Nicht jeder strategische Lieferant ist hierfür geeignet.

Was ist Ihnen für die Zukunft wichtig?

Gessmann: Wir sind Technologieführer mit Best-in-Class Produkten und Services. Der Markt für Robotik und Automatisierungen wächst rasant, genauso schnell begleiten wir ihn. Unser Ziel ist vorne dabei zu sein, die Trends zu setzen. Unsere Agenda ist voll mit neuen Technologien, auf deren Basis wir unser Portfolio weiterentwickeln und unsere weltweite Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit sichern. Das gleiche gilt für unsere Kunden.

Morlock: Schunk erstellt weltweite Analysen, was der Markt braucht, wohin sich der Bedarf entwickelt. In volatilen Zeiten geht es darum, die Sichtweite zu erhöhen. Wir haben ein hohes Tempo. Der Geschwindigkeit muss sich die Vorausschau anpassen. Für die erfolgreiche Beschaffung ist das ein sehr wichtiger Aspekt.

Das Unternehmen: Schunk

Das Familienunternehmen Schunk ist weltweit führend, wenn es um die Ausstattung moderner Fertigungsanlagen und Robotersysteme geht. Über 3.500 Mitarbeitende in 9 Werken und 34 eigenen Ländergesellschaften gewährleisten eine globale Marktpräsenz. Mit über 11.000 Standardkomponenten bietet Schunk das weltweit größte Greifsysteme- und Spanntechnik-Sortiment aus einer Hand. Durch die Digitalisierung des Portfolios können Anwender ihre Prozesse effizient, transparent und wirtschaftlich planen. Sie profitieren zudem vom umfangreichen Applikationswissen rund um die innovative Fertigung von morgen.

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