Handelskonflikte, neue Zölle und geopolitische Spannungen verändern die Spielregeln für international tätige Unternehmen grundlegend. Wie Firmen – insbesondere der Mittelstand – dennoch widerstandsfähig bleiben und sich strategisch auf volatile Handelsregime vorbereiten können, erklärt der Beitrag.
Janine LampprechtJanineLampprecht
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Globale Lieferketten und internationale Handelsbeziehungen erleben eine Phase der Instabilität, wie sie viele Jahrzehnte nicht mehr zu beobachten war.Manzoor-adobestock.com)
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Handelskonflikte, neue Zölle, Sanktionen, nationale Alleingänge und sich rasch wandelnde politische Aussagen setzen international tätige Unternehmen unter zunehmenden Druck. In diesem Umfeld verlieren langfristige politische Zusagen an Verlässlichkeit – stattdessen dominieren kurzfristige Kurswechsel und unklare Rahmenbedingungen. Für Firmen stellt sich daher eine zentrale strategische Frage: Wie gelingt es, unter solch volatilen Voraussetzungen wirtschaftlich stabil und zukunftsfähig zu bleiben, ohne ständig reaktiv umsteuern zu müssen? Mehr dazu erfahren Sie in diesem Beitrag.
Warum unternehmerische Resilienz wichtiger ist als akute Reaktion
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Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren schmerzhaft erfahren, wie fragil globale Verflechtungen sein können. Pandemiebedingte Grenzschließungen, Engpässe in der Rohstoffversorgung, der Krieg in der Ukraine oder der anhaltende Konflikt zwischen den USA und China zeigen: Der Handlungsspielraum schrumpft, wenn man ausschließlich auf tagesaktuelle Entwicklungen reagiert. Stattdessen rückt ein anderer Begriff in den Vordergrund: Resilienz. Gemeint ist damit nicht bloß Robustheit, sondern die Fähigkeit, sich flexibel an neue Umstände anzupassen, ohne dabei jedes Mal die strategische Ausrichtung neu definieren zu müssen.
Resiliente Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie potenzielle Risiken frühzeitig erkennen und auf mehreren Ebenen vorbereitet sind: operativ, rechtlich, logistisch und auch kommunikativ.
Zölle und neue Handelsregime als Stressfaktor für international tätige Firmen
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Die Einführung neuer Zölle durch einzelne Staaten oder Zollblöcke hat sich in den vergangenen Jahren von einem Ausnahmefall zu einem häufig genutzten Instrument wirtschaftlicher Machtpolitik entwickelt. Für Unternehmen bedeutet das vor allem Unsicherheit. Lieferzeiten verlängern sich, Kosten steigen, Absprachen verlieren an Gültigkeit. Besonders betroffen sind exportstarke Branchen wie der Maschinenbau, die Chemie- und Elektroindustrie oder auch die Automobilzulieferer.
Dabei stellen sich für viele Unternehmen ganz konkrete Fragen: Welche Auswirkungen haben neue Ursprungsregeln auf meine Ware? Gelten künftig neue Präferenzabkommen? Sind bestehende Verträge ausreichend flexibel, um kurzfristige Regimewechsel rechtlich und operativ abzufedern? Die Antworten darauf fallen je nach Unternehmensgröße, Branche und Standort höchst unterschiedlich aus, doch eines ist allen gemeinsam: Ohne strategische Vorbereitung steigt das Risiko erheblicher wirtschaftlicher Einbußen.
Wie sich mittelständische Unternehmen gezielt vorbereiten können
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Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) verfügen oft nicht über spezialisierte Abteilungen für Zoll- oder Handelsrecht. Dennoch können sie sich mit einfachen, aber wirkungsvollen Maßnahmen besser auf internationale Risiken einstellen. Entscheidend ist eine datenbasierte Analyse der eigenen Exportprozesse. So sollten Unternehmen genau wissen, welche Produkte sie in welche Märkte liefern und aus welchen Ursprungsländern Bestandteile oder Vorprodukte stammen. Nur so lässt sich frühzeitig abschätzen, ob neue Zölle oder Handelsbarrieren greifen könnten.
Zudem ist es für KMU sinnvoll, ihre Liefer- und Kundenverträge regelmäßig auf Flexibilität und Krisenfestigkeit zu prüfen. Dabei geht es nicht nur um juristische Klauseln, sondern auch um die operative Umsetzbarkeit: Können beispielsweise alternative Lieferanten kurzfristig einspringen? Gibt es logistische Ausweichmöglichkeiten? Ist die Preiskalkulation so gestaltet, dass unerwartete Zollkosten nicht unmittelbar in die Verlustzone führen?
Eine zentrale Rolle spielt auch die interne Kommunikation: Alle relevanten Abteilungen – von Vertrieb über Einkauf bis zur Buchhaltung – sollten in grundlegende strategische Überlegungen eingebunden werden. Nur wenn alle Beteiligten ein gemeinsames Verständnis von Risiken und Lösungswegen haben, kann das Unternehmen geschlossen reagieren.
Daten, Verträge, Lieferwege: Drei Pfeiler der Resilienz
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Eine verlässliche Datenlage ist das Fundament jeder Risikostrategie. Wenn etwa ein Unternehmen Produkte in die USA liefert, die teilweise in China gefertigt wurden, müssen diese Zusammenhänge transparent nachvollziehbar sein, denn sie entscheiden über Zollhöhe, Lieferdauer und rechtliche Anforderungen. Wer diese Informationen nicht verfügbar hat, wird von neuen Regeln überrascht.
Ebenso wichtig ist die laufende Überprüfung bestehender Verträge. Viele Unternehmen übersehen, dass Lieferbedingungen wie „Delivered Duty Paid“ (DDP) bei einem Machtungleichgewicht zwischen Konzern und KMU schnell zur Kostenfalle werden können, denn sie verpflichten den Lieferanten, sämtliche Einfuhr- und Zollkosten zu übernehmen. Mittelständler sollten sich bewusst fragen, ob sie solche Klauseln künftig überhaupt noch akzeptieren oder gezielt auf alternative Formulierungen drängen.
Auch die Lieferketten selbst sollten in regelmäßigen Abständen neu bewertet werden. Nicht jede Umstellung auf regionale Zulieferer ist sofort möglich oder wirtschaftlich sinnvoll. Aber Unternehmen, die sich frühzeitig mit Ausweichrouten und Alternativmärkten beschäftigen, sind klar im Vorteil, wenn einzelne Handelswege plötzlich blockiert werden oder drastische Zollerhöhungen greifen.
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Über Janine Lampprecht
Janine Lampprecht ist die Gründerin der Grenzlotsen GmbH. Sie unterstützt Unternehmen bei der Optimierung ihres Zollwesens. Mit ihren maßgeschneiderten Programmen in den Bereichen Coaching, Beratung und Outsourcing bietet das Team der Grenzlotsen GmbH flexible Lösungen für jedes Unternehmen. Weitere Informationen unter: https://www.grenzlotsen.de/
Kommunikation als strategischer Hebel
Resilienz bedeutet nicht Abschottung – im Gegenteil. Der kontinuierliche Dialog mit Geschäftspartnern, Behörden, Verbänden und internen Teams ist entscheidend, um Unsicherheiten frühzeitig zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Gerade mit US-amerikanischen oder chinesischen Partnern lohnt es sich, Transparenz zu schaffen, mögliche Szenarien offen zu besprechen und den gegenseitigen Informationsfluss zu institutionalisieren. Das stärkt nicht nur die Reaktionsfähigkeit, sondern schafft auch Vertrauen.
Große Unternehmen im Vorteil – aber mit Verantwortung
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Große Konzerne verfügen naturgemäß über spezialisierte Teams, fundierte Datenbanken und internationale Netzwerke, die ihnen helfen, Risiken früh zu erkennen und zu managen. Doch diese Vorteile gehen auch mit Verantwortung einher. Wenn multinationale Unternehmen ihre Marktmacht ausnutzen, um kleinere Zulieferer durch vertragliche Konstruktionen oder Preisdruck zu benachteiligen, gefährden sie nicht nur Partnerschaften, sondern auch die eigene Resilienz. Denn nur ein stabiles Netzwerk aus zuverlässigen, wirtschaftlich gesunden Partnern ist auf Dauer tragfähig.
Fazit: Resilienz ist kein Zufall, sondern Strategie
In einer Welt, in der politische Kurswechsel, Zollerhöhungen und geopolitische Spannungen zum Alltag gehören, ist Resilienz kein Luxus, sondern eine Überlebensstrategie. Unternehmen, die frühzeitig in belastbare Prozesse, transparente Daten und flexible Liefermodelle investieren, verschaffen sich einen klaren Wettbewerbsvorteil. Dabei geht es nicht darum, jede neue Wendung vorherzusehen. Entscheidend ist vielmehr, auf verschiedene Szenarien vorbereitet zu sein und im entscheidenden Moment handlungsfähig zu bleiben.