CPMC-Studie

China bleibt Beschaffungsmarkt Nummer eins

Laut einer Studie wollen mehr als 50% der deutschen Firmen weiter auf den Beschaffungsmarkt China setzen – mindestens bis 2030.

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Güterzug und Container mit dem Schriftzug Made in China.
China ist für 62% der Studienteilnehmer sowohl Beschaffungs- als auch Absatzmarkt.

Die Beschaffung aus China stand in den vergangenen Jahren unter Druck wie selten zuvor. Unterbrochene Lieferketten während der Pandemie, steigende Containerkosten, geopolitische Spannungen und die politische Forderung nach De-Risking ließen viele Beobachter einen Exodus deutscher Unternehmen aus dem Reich der Mitte erwarten. Doch die Realität sieht anders aus, wie eine umfassende Studie des Centre for Performance Management & Controlling an der Frankfurt School of Finance & Management nun belegt.

Für die Untersuchung wurden 137 produzierende Unternehmen unterschiedlicher Größe befragt, darunter vor allem Firmen aus der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der Elektroindustrie. Die Ergebnisse zeichnen ein überraschend klares Bild: China behält seine zentrale Bedeutung als Beschaffungsmarkt für deutsche Unternehmen.

Bestandsaufnahme: China-Anteil bleibt substanziell

Die Zahlen sprechen für sich. Knapp 40 Prozent der befragten Unternehmen beziehen aktuell mindestens ein Fünftel ihres gesamten Einkaufsvolumens aus China. Bei mehr als einem Viertel der Studienteilnehmer liegt dieser Anteil sogar bei 25 Prozent oder höher. Besonders bemerkenswert: Fast 17 Prozent der Unternehmen geben an, dass mehr als ein Drittel ihres aktuellen, jährlichen Beschaffungsvolumens aus China stammt.

Dabei handelt es sich keineswegs nur um Großkonzerne. Auch viele mittelständische Unternehmen haben einen vergleichbar hohen China-Anteil in ihrer Beschaffung. Marcel Wießner, Leiter Einkauf bei Uhlmann & Zacher, einer Tochter von AssaAbloy, bringt die Gründe auf den Punkt: "Warum sollen wir den Markt China verlassen? Die Lieferantenperformance ist hoch, und die Beziehung zu unseren Lieferanten exzellent. Und intern planen wir so, dass auch längere Lieferzeiten kein Problem für uns sind."

Ein Blick auf die Entwicklung seit 2020 unterstreicht diese Kontinuität. Mehr als die Hälfte der Unternehmen bezog im Jahr 2024 ein ähnliches Volumen oder sogar mehr aus China als noch vier Jahre zuvor. Bei 27 Prozent der Teilnehmer ist das Beschaffungsvolumen aus China im Vergleich zu 2020 sogar gestiegen. Von einem breiten Exodus kann also keine Rede sein.

1. Beschaffung aus China wird bei mehr als 50% der Unternehmen weiter eine große Rolle spielen. Mehr als ein Viertel der Firmen will bis 2030 sogar mehr aus China beschaffen!
Anteil der Beschaffung aus China am Gesamteinkaufsvolumen (in €) in 2024.

Ausblick bis 2030: Kein Kurswechsel in Sicht

Noch aufschlussreicher als der Status quo ist der Blick nach vorn. Die Befragungsergebnisse zeigen deutlich: China wird nach Aussage der Beschaffungsverantwortlichen weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen plant, bis 2030 zumindest ein ähnliches prozentuale Volumen aus China zu beschaffen wie heute. Mehr als ein Viertel der Firmen gibt sogar an, in den nächsten fünf Jahren mehr aus China beziehen zu wollen. Fast 10 Prozent der Studienteilnehmer wollen ihre Beschaffungsvolumina spürbar ausbauen.

Diese Zahlen belegen eindrucksvoll: Trotz aller Diskussionen um Abhängigkeiten und geopolitische Risiken bleibt China für deutsche Unternehmen der Beschaffungsmarkt Nummer eins. Die strategische Bedeutung des Landes für die Lieferketten deutscher Industrieunternehmen wird sich in den kommenden Jahren nicht grundlegend verändern.

Umfang der China-Beschaffung von 2025 bis 2030.
Umfang der China-Beschaffung von 2025 bis 2030.

Resilienz bleibt Herausforderung

Wenn China eine derart wichtige Rolle in der Beschaffung spielt, rückt automatisch die Frage nach der Resilienz der Lieferketten in den Fokus. Die Studienergebnisse offenbaren hier erheblichen Handlungsbedarf. Mehr als ein Drittel der befragten Firmen gibt an, die Resilienz ihrer Lieferkette habe sich im Vergleich der Jahre 2024 und 2020 verschlechtert. Bei knapp 11 Prozent hat sich die Situation sogar deutlich verschlechtert. Weitere 28,5 Prozent sehen keine nennenswerte Veränderung.

Zusammengefasst bedeutet dies: Fast 60 Prozent der Unternehmen konstatieren keine Verbesserung ihrer Lieferkettenresilienz. Da sich das geopolitische und wirtschaftliche Umfeld in den kommenden Jahren voraussichtlich nicht grundlegend entspannen wird, steht der Einkauf hier vor einer zentralen Aufgabe. Resilientere Lieferketten lassen sich durch verschiedene Maßnahmen erreichen, etwa durch Sicherheitslager in Asien und Europa oder durch die Verlängerung von Bestellzeiten im ERP-System. Der strategische Einkauf muss hier proaktiv Lösungsansätze entwickeln und umsetzen.

Lokalisierung als strategische Chance

Eine besondere Gelegenheit für den strategischen Einkauf ergibt sich aus dem Thema Lokalisierung. Für 62 Prozent der Studienteilnehmer ist China nicht nur Beschaffungs-, sondern auch Absatzmarkt. Wer im Reich der Mitte verkaufen möchte, kommt um eine Lokalisierung von Produkten und Lieferketten kaum herum, sowohl aus Kostengründen als auch aufgrund regulatorischer Anforderungen.

Wichtigste Fakten:

1. Beschaffung aus China wird bei mehr als 50% der Unternehmen weiter eine große Rolle spielen. Mehr als ein Viertel der Firmen will bis 2030 sogar mehr aus China beschaffen!

2. Wichtig bei der China-Beschaffung sind resilientere Lieferketten durch z.B. Sicherheitslager in Asien und in Europa, oder der Verlängerung von Bestellzeiten im ERP- System!

3. Die Lokalisierung von Produkten und Lieferketten ist eine große Chance für den Einkauf, sich intern als Wertschöpfungspartner zu positionieren!

Jianhui Wu, Geschäftsführerin von Hiteco Limited, einem auf Lokalisierung von Zeichnungsteilen spezialisierten Unternehmen, verweist auf konkrete Entwicklungen: "Das chinesische Finanzministerium hat im Dezember 2024 einen Entwurf vorgelegt, wonach 'Made in China'-Produkte künftig einen Preisvorteil von 20 Prozent bei öffentlichen Ausschreibungen erhalten. Wer den Mindestanteil an lokal produzierten Komponenten nicht erreicht, nimmt sich jede realistische Marktchance. Und auch kostenmäßig ist Lokalisierung die einzige Alternative."

Die Studie zeigt allerdings ein zweigeteiltes Bild beim Lokalisierungsgrad. Während knapp 31 Prozent der Firmen angeben, dass die Lokalisierung bereits zu mehr als 70 Prozent abgeschlossen ist, befindet sich mehr als ein Viertel der Unternehmen noch in einem frühen Stadium. 14,1 Prozent haben erste Schritte unternommen, 12,9 Prozent stehen mit unter 30 Prozent Lokalisierungsgrad noch ganz am Anfang.

Genau hier liegt eine große Chance für den strategischen Einkauf, sich intern als Wertschöpfungspartner zu positionieren. Durch eine zügige Lokalisierung von Produkten und Lieferketten kann der Einkauf die Grundlage für Wachstum in China legen. Wie die Studie eindrucksvoll belegt, werden der chinesische Markt und China-Lieferketten auch in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle für deutsche Unternehmen spielen. Der strategische Einkauf ist gefordert, diese Entwicklung aktiv mitzugestalten.

FAQ: Beschaffung in China

Warum lohnt sich die industrielle Beschaffung in China überhaupt?

China bietet ein riesiges Lieferantennetzwerk, wettbewerbsfähige Preise, hohe Fertigungstiefe und eine immer professioneller werdende Industrie – besonders in Bereichen wie Metallverarbeitung, Elektronik, Komponentenfertigung und Maschinenbau.

Welche Risiken bestehen bei der Beschaffung in China?

Typische Risiken sind Qualitätsschwankungen, Lieferverzögerungen, Kommunikationsbarrieren, geistiges Eigentum, politische Spannungen, Währungsrisiken und fehlende Transparenz in der Lieferkette.

Wie finde ich verlässliche Lieferanten in China?

Übliche Wege: Industriemessen (z. B. Canton Fair, CIIF), spezialisierte Sourcing-Agenturen, eigene Audit-Teams, Branchenempfehlungen oder qualifizierte Plattformen wie Alibaba Verified Suppliers. Wichtig sind mehrstufige Audits, Referenzprojekte und Qualitätsnachweise.

Welche kulturellen Besonderheiten muss ich beachten?

Guanxi (Beziehungsaufbau) ist entscheidend. Höflichkeit, Geduld, indirekte Kommunikation und respektvolle Verhandlungen erleichtern die Zusammenarbeit. Persönliche Treffen werden in China immer noch sehr hoch geschätzt.

Wie sichern Unternehmen die Produktqualität ab?

Mit klaren Spezifikationen, Prototypentests, AQL-Standards, regelmäßigen Inspektionen, Vor-Ort-Qualitätskontrollen, Werksaudits sowie einer konsequenten Lieferantenentwicklung. Viele Unternehmen nutzen lokale QA-Teams.

Welche Incoterms werden typischerweise genutzt?

Häufig: FOB, EXW und CIF. Für höhere Transparenz und Risikokontrolle nutzen europäische Maschinenbauer gerne FOB, weil sie damit den Transport selbst managen können.

Wie schützt man geistiges Eigentum (IP) in China?

Durch Patente, Markenregistrierung in China, NDAs, technische Schutzmaßnahmen (z. B. Entkopplung kritischer Komponenten), Multi-Supplier-Strategien sowie klare Vertragsgestaltung nach chinesischem Recht.

Welche Rolle spielt die Logistik?

Eine große: Transportkosten, Zollabwicklung, Containerverfügbarkeit, Hafenwahl (Shanghai, Shenzhen, Ningbo), Lieferzeit (meist 5–7 Wochen per See) und lokale Feiertage wie das Chinesische Neujahr müssen streng eingeplant werden.

Wie verändert sich der Beschaffungsmarkt in China aktuell?

China entwickelt sich vom reinen „Werkbank“-Land zur Hightech-Industrie. Es gibt immer mehr automatisierte Fertigungen, höhere Qualitätsstandards und stärkere staatliche Förderung für strategische Industrien wie Robotik und Energie.

Ist Nearshoring eine Alternative zu China?

Nearshoring gewinnt an Bedeutung – etwa in Osteuropa, der Türkei oder Indien. Dennoch bleibt China in vielen Bereichen unschlagbar in Skalierbarkeit, Kosten und technologischer Fertigungstiefe. Viele Unternehmen setzen daher auf Dual- oder Multi-Sourcing-Strategien.