Gestapelte Paket mit der Bezeichnung Made in Germany

Deutschland ist kein billiger Beschaffungsmarkt. Wer hierzulande einkauft, kann jedoch auf persönliche Beziehungen und kurze Wege zu seinen Lieferanten setzen. In der Corona-Krise ist das viel wert. - Bild: Pixabay

| von Gerd Mischler

Hinter Bozen ging nichts mehr. Kaum hatte die österreichische Polizei am 11. März den Grenzübergang auf dem Brenner dicht gemacht, stauten sich Lkw mehr als 80 Kilometer nach Süden. Das ist länger als die Strecke von Bonn nach Düsseldorf und fast so weit wie von Berlin an die polnische Grenze bei Frankfurt an der Oder.

Wenn der Verkehr nicht fließt, steht die Produktion

Gut 50 Millionen Tonnen Güter passieren auf Europas meist befahrenem Alpenpass jedes Jahr die Grenze. Deutsche Maschinenbauer sind auf Lieferungen aus Italien dringend angewiesen. Denn außerhalb Deutschlands kaufen sie nirgendwo mehr ein als auf der Apennin-Halbinsel, so Zahlen des Verbands Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA).

Doch italienische Lieferanten fallen für Einkäufer derzeit ebenso aus wie Zulieferer aus einem anderen europäischen Land. Fast alle EU-Staaten haben aufgrund der Corona-Pandemie ihre Grenzen geschlossen. Selbst wenn Unternehmen eine alternative Bezugsquelle haben, kann auch diese zurzeit nicht verlässlich liefern.

An internationale Zulieferungen, etwa aus Asien, brauchen Beschaffer erst gar nicht zu denken. Da sie wegen der Pandemie kaum mehr Ware auf dem Weg von und nach China umschlagen, stapeln sich in den Überseehäfen der Volksrepublik seit Wochen die Container.

Einkäufer besinnen sich auf den Beschaffungsmarkt Deutschland

So ist es kein Wunder, dass Einkäufer lange Lieferketten derzeit zunehmend kritisch sehen. „Das Gefühl, sich auf die Lieferfähigkeit ihrer Zulieferer verlassen zu können, persönliche und vertrauensvolle Beziehungen sowie kurze Distanzen mit geringen Transportrisiken spielen für Einkäufer derzeit eine erheblich größere Rolle als dies noch vor wenigen Wochen der Fall war“, erklärt Dr. Stefan Benett, Geschäftsführer der auf Einkauf und Supply Chain Management spezialisierten Unternehmensberatung Inverto. Deshalb rücke Deutschland als Beschaffungsmarkt aktuell wieder verstärkt in den Fokus vieler Unternehmen.

Local Sourcing ist teurer als internationale Beschaffung ...

Jeder zweite Mittelständler beschafft Vorprodukte ohnehin am liebsten beim Lieferanten „um die Ecke“, ergab eine Studie der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig. Damit verzichten die Unternehmen zwar auf Einsparungen von bis zu 30 Prozent, die sie im globalen Einkauf erzielen könnten.

Dafür können sie sich jedoch darauf verlassen, dass Lieferungen nicht in Überseehäfen, beim Zoll oder an der Grenze hängen bleiben. Da Einkäufer Lieferanten ohne lange Anreise besuchen können, lassen sich Probleme zudem schnell klären und Verträge einfach nachverhandeln.

... dafür liefern deutsche Partner zuverlässig beste Qualität

„Für Deutschland als Beschaffungsmarkt spricht auch, dass es hierzulande eine breite Basis hochqualifizierter Lieferanten gibt, die sehr schnell und in hoher Qualität liefern können“, führt Benett weiter aus. Wo sie automatisiert fertigen können, können Zulieferer zudem spezifische Kostennachteile ausgleichen.

Auch gibt es nichts, was sich hierzulande nicht beschaffen ließe. Zwar verfügt die Bundesrepublik kaum über Vorkommen an Industriemetallen. Lokale Rohstoffhändler besorgen jedoch selbst die exotischsten Materialien. „Auch kritische Elektronikkomponenten, wie beispielsweise Speicherchips, werden in Deutschland fast nicht mehr hergestellt“, weiß Benett.

Doch können Unternehmen Zwischenhändler einschalten, die für sie bei Halbleiterherstellern in Asien sourcen - zumindest in Nicht-Corona-Zeiten.

Viele Dienstleistungen lassen sich nur in Deutschland beschaffen

Der Einkauf hierzulande bietet sich für einige Warengruppen und Bedarfe allerdings mehr an, als für andere. So lassen sich viele Beratungsleistungen im Ausland kaum beschaffen. Bei IT-Projekten nehmen acht von zehn Beschaffern am liebsten deutsche Software- und IT-Häuser unter Vertrag, ergab eine Studie des Marktforschungsunternehmens IDG Research Services.

Außerdem gilt: Je entwicklungsintensiver das zu beschaffende Produkt ist, desto wichtiger wird die enge Zusammenarbeit mit dem Lieferanten und desto alternativloser ist der Einkauf in der Heimat. Bei der Beschaffung vieler Maschinen gibt es daher oft keine Alternative zu deutschen Anbietern - vor allem dann nicht, wenn es Sonderentwicklungen oder technologisch besonders anspruchsvolle Anlagen sein sollen.

Deutschlands Hidden Champions sind globale Innovationsführer

Auch in der Industrie 4.0 führt kein Weg an deutschen Lieferanten vorbei. Die meisten Technologieführer in der Robotik sowie Steuerungs- und Automatisierungstechnik haben hierzulande ihren Sitz.

Deutsche Unternehmen beherrschen dem VDMA zufolge zudem fast ein Drittel des Weltmarktes für Mess- und Prüftechnik sowie je rund ein Fünftel der weltweiten Märkte für Antriebstechnik, Werkzeug- und Landmaschinen.

Dabei sind sie meist globale Innovationsführer: Vier von zehn der rund 1.300 Unternehmen auf dem Weltmarktführer-Index der Universität Sankt Gallen sind deutsche Gesellschaften. Von diesen 516 Unternehmen kommen 185 aus dem Maschinen- und Anlagenbau, 79 aus dem verarbeitenden Gewerbe und 55 aus der Elektronik und Elektrotechnik.

Vorteil: Deutsche Anbieter liefern Technologie und Service im Paket

Die Technologie dieser Hidden Champions ist allerdings nicht billig. „Da solche Hersteller jedoch die Bedürfnisse und Anforderungen ihrer Kunden hervorragend kennen und neben ihren Produkten meist auch einen erstklassigen Service liefern, können sie Lösungen anbieten, die als Gesamtpaket ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis haben“, erklärt Stefan Benett von Inverto.

So sinke etwa durch die Möglichkeit, Reparaturen schnell erledigen zu lassen, die Ausfallzeit einer Maschine. Die größere Verfügbarkeit könne die Investitionen dann trotz eines höheren Einstandspreises wirtschaftlich machen.

In der Metallverarbeitung bietet sich der Einkauf in Deutschland an

Allerdings lassen sich auch weniger hochtechnologische Vorprodukte in Deutschland beschaffen. So beliefern 7.900 metallverarbeitende Betriebe Kunden aus dem Maschinenbau, der Automobil- sowie Elektronik und Elektrobranche.

Mit einem Umsatz von gut 110 Milliarden Euro war die metallverarbeitende Industrie 2019 die fünftgrößte Branche in Deutschland. Massenhaft benötigte standardisierte C-Teile können die ansonsten wettbewerbsfähigen deutschen Metallverarbeiter allerdings nicht zu Preisen herstellen, die mit denen der Konkurrenz in Billiglohnländern mithalten.

Das ist eine Frage simpler Mathematik – ebenso wie die Tatsache, dass die durch Corona verursachten Grenzschließungen Unternehmen zwingen, häufiger auf dem deutschen Beschaffungsmarkt einzukaufen.