Die faktische Schließung der Straße von Hormus zeigt, wie schnell Lieferketten unter Druck geraten. Matthew Woodcock (Coupa) plädiert dafür, Risikoplanung fest im Betrieb zu verankern und frühzeitig Handlungsalternativen zu entwickeln, statt nur auf Störungen zu reagieren.
Matthew Woodcock, Regional Vice President, Supply Chain Strategy bei Coupa Matthew Woodcock, Regional Vice President, Supply Chain Strategy bei Coupa
Wenn Lieferketten unterbrochen werden, ist es vorteilhaft, sie mittels KI-Modellen schnell anpassen zu können.Kalyakan - stock.adobe.com
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Da die Straße von Hormus praktisch
geschlossen ist, sind die Lieferketten zum und aus dem Persischen Golf direkt
betroffen. Die Störung betrifft nicht nur Rohöl und Flüssigerdgas, sondern auch
Petrochemikalien, Kunststoffe, Düngemittel und andere energieintensive
Vorprodukte. Deshalb ist Notfallplanung in Zeiten wiederkehrender Disruptionen
ein Muss. Klare Lösungen gibt es dabei selten. Vielmehr geht es darum, die
jeweils bestmöglichen Optionen zu finden, um Lieferkettenrisiken zu steuern und
erwartete Störungen zu bewältigen.
Matthew Woodcock ist Regional Vice President, Supply Chain Strategy bei Coupa und unterstützt Unternehmen in der EMEA-Region beim Supply-Chain-Design und der Supply-Chain-Planung. Zuvor verantwortete er als Head of Group Logistics & Supply Chain bei Tarmac konzernweite Logistik- und Supply-Chain-Programme und leitete Initiativen in verschiedenen Industriezweigen, darunter im Baustoff-Bereich und in der verarbeitenden Industrie.
Um den globalen Handel in energie-,
chemie- und zeitkritischen Gütersektoren zu stützen, brauchen Unternehmen vor
allem eines: Handlungsalternativen. Und das wird heute durch KI-gestützte
Szenariomodellierung zunehmend möglich. Mit vorausschauender Transparenz
entlang mehrstufiger Lieferketten lassen sich Schwachstellen erkennen, bevor
sie eskalieren und Risiken früher abfedern.
Statt zu spekulieren, können
Unternehmen sogenannte „Digital Twins“ verwenden, um ihre Netzwerke unter
Stressbedingungen zu testen. Auf dieser Basis lassen sich klarere Strategien
für Rohstoffkategorien entwickeln. Techniken zur Sourcing-Optimierung helfen
Beschaffungsteams anschließend dabei, die Lieferantenbasis so auszurichten,
dass sie die wichtigsten Restriktionen berücksichtigt.
Auf die Daten kommt es an
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Mit den richtigen Daten können
KI-Modelle neben Zollszenarien auch Lieferengpässe, globale
Energiepreissprünge, Störungen der Handelswege und die Auswirkungen von
Sanktionen abbilden. Anhaltend höhere Energiepreise können zudem die Kosten für
Lebensmittel, Agrarprodukte und Industriegüter erhöhen und damit den
Inflationsdruck verstärken.
Zudem können Unternehmen multimodale
Transportrisiken in Modelle für Einstandskosten und Lieferantenkontinuität
integrieren. So lassen sich Umleitungen, höhere Versicherungsprämien und
längere Vorlaufzeiten frühzeitig berücksichtigen. Da sich Kosten und
Vorlaufzeiten kurzfristig ändern können, braucht es die Umstellung von
statischen Prognosen hin zu dynamischen, szenariobasierten Entscheidungen.
Lieferkette muss anpassungsfähig sein
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Letztendlich sollte Risikoplanung
ein fester Bestandteil des operativen Betriebsmodells sein, vor allem in Phasen
erhöhter Unsicherheit. Das kann bedeuten, Sicherheitsbestände sowie Annahmen zu
Lieferzeiten neu zu bewerten. Reine Lagerpuffer werden künftig nicht
ausreichen. Eine anpassungsfähige Lieferkette entsteht dort, wo Unternehmen
vorausschauend und datenbasiert entscheiden. So wird Notfallplanung vom
defensiven Kostenfaktor zu einem Instrument, das die Wettbewerbsfähigkeit
absichert.